Suchttherapie- tage 2009

Impulsreferat: „Vertrauen bildet sich auf Inseln der Heilung“

Bei meiner seit 17 Jahren anhaltenden auch existentiellen Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Suchterkrankung und Wegen der Heilung aus Sucht“ ist es für mich immer deutlicher geworden, das die Suchterkrankung nicht nur „Drogenmissbrauch oder zwanghaftes Verhalten -„ also eine körperlich- seelische Erkrankung des einzelnen davon Betroffenen-ist, sondern auch immer eine soziale Erkrankung.

Dies zeigt sich für mich an zwei Phänomen:

•          Suchtkranke leidet immer auch unter einer „Beziehungsstörungen“ d.h. sie haben den Wunsch nach Kontakt zu anderen Menschen und sind aber gleichzeitig misstrauisch, weil sie nie ein positives Selbstgefühl entwickeln konnten, aber auch keine ausreichenden Möglichkeiten des Selbstschutz erlernt haben.

•          Suchterkrankung treten vor allem in soziokulturellen Zusammenhängen auf, die von einem Vertust an verbindenden Gemeinschaftsgefühlen geprägt sind.

Dies wurde mir für mich immer deutlicher, als ich mich auf dem Hintergrund des „ldeenwettbewerbs zur Forderung der Selbsthilfe Drogensüchtiger“ in der psychosozialen Betreuung „Der Brücke“ auf die Arbeit mit substituierten Menschen eingelassen habe. Dadurch war ich gezwungen, mich nicht nur aus meiner engen eigenen Suchtbiografie mit Suchterkrankungen und Heilungswegen zu beschäftigen, sondern auch die dort gemachten Erfahrungen auf einem gesellschaftswissenschaftlichen Niveau zu überdenken.

Dabei verstehe ich wissenschaftlich nicht als Überblick, sondern als Möglichkeit sich neben sich zu stellen, um zu vergleichen, und aus dem die so gewonnen Einsichten über Lösungswege nachzudenken.

Erste Anregungen erhielt ich auf dem Treffen „Wissenschaft trifft Selbsthilfe“, das im Juni 2007 in der Sozialbehörde durchgeführt wurde. Dort wurden von Vertreterin des Zentrums für interdisziplinäre Suchtforschung die Ergebnisse einiger Studien referiert, die belegen das Menschen die mit und ohne Therapie regelmäßig Suchtselbsthilfegruppen besuchen, in ihrer Heilungsverlauf weniger rückfallgefährdet sind, als Mensch die ihre Erkrankung nur mit einer Therapie zu heilen versuchten.

Leider gibt es aber fast keine Untersuchungen über die Wirkfaktoren von „Suchtselbsthilfe“. Mir ist nur Gregory Bateson „Ökologie des Geistes“(Frankfurt am Main 5.Auflage 1994) bekannt, der in dem Kapitel ,,Die Kybernetik des Selbst: Eine Theorie des Alkoholismus“ die Wirkung der Anonymen Alkoholiker aus anthropologischer Sicht als Auflösung von Double- bind — Prozessen beschreibt.

Aus einem Buch über „Psychoneuroimmunologie“ 1.) habe ich die Information, dass Frauen, die neben der Brustkrebstherapie eine psychosoziale Selbsthilfegruppe besuchten, d.h. ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelten und sich gegenseitig halfen, signifikant  länger lebten —im Durchschnitt 36 Monate- als Frauen aus einer Kontrollgruppe, die diese psychosoziale Unterstützung nicht erlebten und im Schnitt bereits nach 18 Monaten starben.

In einem Werk über buddhistische Praxis berichtet Dr. Karin Lindinger 2.), über die Wichtigkeit von positiv erlebter Gemeinschaft, weil das positive soziale Erleben in der Gemeinschaft das Endorphine Belohnungssystem aktiviert und auch  das Immunsystem stimuliert wird.

Ich war neugierig geworden auf neurobiologische Erkenntnisse über Sucht, Anregungen erhielten

auf der Fachtagung „Chaos im Kopf — neue Ergebnisse der Hirnforschung und ihre Bedeutung für „Suchtprävention und Therapie.“ und auch durch die Vorträge von Dr. Stracke (FKHs Hansenbarg )über neurobiologische Suchtforschung. Dies vertiefte ich durch Literaturstudien zum Thema und versuchte dann, eine Wirkungshypothese zu entwickeln über die ich unter dem Titel „So wirkt Suchtselbsthilfe“ auf dem Suchtselbsthilfetag 2008 referiert habe, und von dem viele abstinent lebende  Alkoholiker mir zurückmeldeten, das ich ihre Erfahrungen gut bestätigt hätte.

• Wichtig erscheinen mi r zwei Aspekte: Forschungsbefunde aus der Neurobiologie des (süchtigen) Gehirns verdeutlichen, das eine Anfälligkeit für Suchtentwicklung bei Menschen besteht, die in ihrem Leben traumatische Beziehungserfahrungen erlitten haben. Dies lässt sich inzwischen mit bildgebenden Verfahren im Gehirn darstellen,  die darauf hindeuten, dass sich biografische  Beziehungserfahrungen von Suchtkranken als Störung im Belohnungssystem des Hirns nachweisen lassen.

Diese Störung versucht der Suchtkranke durch den Drogenkonsum oder

zwanghaftes Verhalten auszugleichen. Der Suchterkrankte will durch den Substanzmissbrauch und/oder das zwanghafte Suchtverhalten die Folgen

der biografischen Störungen und Kränkungen, die als „unangenehme Gefühle“ wie Hemmungen, Ängste, Unsicherheiten erlebt werden, vermeiden und sich selbst zu heilen.

So gerät er in einen Teufelskreis, weil einige Drogen —Alkohol, Nikotin und

Opiate – einen Vorgang stören, den die Wissenschaft Neurogenese nennt. Durch

diesen Prozess werden immer wieder neuronale Netzwerke in unserem Gehirn gebildet, die das Kurzzeitgedächtnis und das Lernen notwendig sind. Die Vermehrung von Vorläuferzellen im Hippocampus des Gehirns, die für die Neurogenese erforderlich sind, wird durch Alkohol, Nikotin aber auch Morphium und Heroin unterdrückt, so das es zu einer Einschränkung der Wahrnehmung- und Lernfähigkeit aufgrund der reduzierten Neurogenese beim Substanzmissbrauch kommt.

Dies erklärt auch auf der Verhaltensebene, weshalb der Suchterkrankte sich immer mehr in sich selbst zurück zieht und sich bei ihm eine erworbene Demenz und Depressionen ausbildet. Auch der in der amerikanischen Forschung von Jelinek bei Alkoholikern beschriebenen Niveauverlust, also das umgangssprachliche „der hat wohl sein Gehirn versoffen“,  lasst sich so erklären.

Deshalb sollte erfolgsorientierte Suchtbehandlung das „Gehirn als Beziehungsorgan“ verstehen, dessen Funktion im psychosozialen Bereich wieder erlernt und genutzt werden sollten.

Dazu sind Bedingungen notwendig, die den Aufbau von wertschätzenden Beziehungen und Einfühlungsvermögen unterstützen. Diese wollen wir nach diesem Impulsreferat in einer Zukunftswerkstatt gemeinsam entwickeln-

Abschließender Exkurs:

Da ich von einem gesellschaftswissenschaftlichen Blick entwickelt habe, bin ich an soziokulturellen Erklärungen für Drogenmissbrauch interessiert. Wichtige Anregungen erhielt ich aus Johannes Lindenmeyers Werk „Lieber schlau als blau“. Er beschreibt geschichtliche Alkoholkrisen als entgleiste Trinkkulturen.

Interessanter noch sind seine Beschreibung dieser Alkoholkrisen, weil sie immer dann auftreten, wenn sich eine Gesellschaft und damit ihre die zwischenmenschlichen Beziehungskultur verändern, damit auch kulturellen Sitte und Werte im Umgang mit Drogen. Für die erste Alkoholkrise der im 16. und 17. Jahrhundert danach war die Erfindung des Branntweins aber auch seine Verbreitung durch den 30 jährigen Krieg auslösend. Für meine Theorie, das Sucht immer auch mit Verlust von Gemeinschaftsgefühl im Zusammenhang zu sehen ist, finde ich die Beschreibung des Elendsalkoholismus interessant, der sich durch Landflucht, Alkoholindustrie und Alkohol an den Arbeitsplätzen während der „industriellen Revolution“ herausbildete. Aber auch das diese Entgleisung durch das Aufkommen der Abstinenzbewegung und der Arbeiterbewegung – was durch den pro -Kopf— Verbrauch messen lässt ‚ bis nachdem zweiten Weltkrieg drastisch zurückgedrängt wurde. Dies geschah durch eine Veränderung der kulturellen Werte (z B. Gab es die Parolen wie ‚Arbeiter meidet den Branntwein, er nützt nur dem Kapital“) und die Verbesserung der sozialen Bedingungen. Es entstand damals auch „Selbsthilfe` aus diesen Bewegungen wie Wohnungsbaugenossenschaften, Konsumvereine, Bausparkassen, Bildungsvereine und vieles mehr. Dies halte ich deshalb für wichtig, weil wenn wir über Lösungen unserer heutigen ‚Alkohol- und Drogenkrise“ und Maßnahmen, die sich dagegen richten sollen, nachdenken; nicht nur an einer Verbesserungen von therapeutischen Maßnahmen orientieren sollten, sondern auch über einen soziokulturellen Wertewandel in unserer Alltagskultur nachdenken sollten. Dazu gehört auch eine aktive gegenseitige Hilfe, durch die Suchtkranke Formen von Gemeinschaftserleben ohne (oder mit verminderten) Drogenkonsum zu erleben könnten.

Aber auch ein Überprüfung einiger alltagskultureller Gewohnheiten:

Den in unserer Kultur wird das Trinken von Alkohol —also Drogenkonsum- beim geselligen Beisammensein allgemein erwartet. So sind 85 % der Bevölkerung der Meinung, dass es zum guten Ton gehöre, für Gäste alkoholische Getränke bereit zu halten.

Anmerkungen

1.)Gaby Miketta „Netzwerk Mensch. Psychoneuroimmunologie: Den Verbindungen von Körper und Seele auf der Spur‘ Stuttgart 1992

2.) K. Lindinger „Lass los und …. gewinne. Wie wir falsche Vorstellungen aufgeben und dafür reich belohnt werden“  München 2004.

G Wolff April 2009

gehalten am 2. Juni2009 auf den „Suchttherapietagen 2009″

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