Sucht – im Sog der „Löcher in der Seele “

Sucht –  im Sog der „Löcher in der Seele “

Existentielle Erfahrungen mit biografischen Beziehungsstörungen

„Der Mensch hat nicht nur seine Krankheit, sondern er macht sie auch. Sie hat etwas mit seiner Wahrheit, mit seiner Wahrheit mit seiner Existenz zu tun.“

Victor von Weizsäcker

Nach siebzehn Jahren Suchterfahrungen mit der legalen Droge Alkohol lebe ich seit meiner Therapie siebzehn Jahren abstinent. Habe mich auf einen  Weg der Selbstbewusstwerdung begeben, den davor mein Drogenmissbrauch verhindert hat.

Da ich immer wieder versuche, meine Erfahrungen mit anderen zu teilen und auszutauschen, und dann über das Erfahrene nachdenke, gelingen mir immer wieder neue überraschende Einblicke in das Phänomen „Sucht“.

Seit ich mich mit den Extremen süchtiger Erfahrungen in der psychosozialen Betreuung „Der Brücke“, aber auch gemeinsam mit Dr. Kellermann beim Aufbau einer angeleiteten Selbsthilfegruppe für Kauf- und Sammelsüchtige auseinandersetze, werde ich immer wieder mit meinen eigenen „seelischen Löchern“ konfrontiert. Aber auch mit der Möglichkeit die „Selbstheilung“ meiner biografischen Verletzungen besser zu verstehen, die ich in meinem abstinenten Leben erfahren durfte.

Georg Wolff

Georg Wolff

So konnte ich auch meine Fähigkeit zum echten Mitgefühl in andere Suchtkranke erweitern. Verstehen kann wie auch ihr Verhalten vom Sog Ihrer „seelischen Löcher“ getrieben wird.  Denn dies ist etwas anderes als das verständnisvolle Mitleid, mit dem ich als „hilfloser Helfer“ oft nur mein eigenes Selbstmitleid verdrängt habe.

Dazu musste ich mich von dem in  unserer Kultur weitverbreitenden Größenwahn, das wir Menschen die „Krone der Schöpfung“ sind, verabschieden. Durch Demut und Bescheidenheit schmerzhaft lernen, das ich nichts besonderes bin, sondern auch nur ein  biosoziales Wesen oder denkendes Tier wie meine Mitmenschen. Das mein einmaliges Leben durch ein Netzwerk aus  biologischen, sozialen und spirituellen Abhängigkeiten bestimmt wird. Nur wenn ich dies akzeptiere, ist für mich Heilung von meinen Leiden möglich.

Die Beziehung zu mir selbst, zu meinen leiblichen Erfahrungen erlebe ich seit 1992 positiv, bin aber immer wieder erschrocken, wenn ich mit eigenen verrückten – d.h. für mich überflutenden – Emotionen auseinandersetzen muss. Die alte Scham über so ausgelöstes kindisches Verhalten, die damit verbundenen wortlosen Spannungen und Gefühle, mein Selbstgefühl bedroht. Gerne versuchte ich dies durch „Selbstwerterhöhungen“ als Helfender zu vergessen, doch mein Körper ließ sich nicht betrügen. Durch diese arbeitswütigen Lösungsversuche wurden immer wieder von einem überforderten Helfer zu einem engagiertem Opfer, das sich in seiner Haut unwohl und unverstanden fühlte. Weder der engagierte Arbeitskampf noch die Flucht aus der Verantwortung brachte eine wirkliche Besserung. Der Wechsel von euphorischem Außer- sich- sein und depressivem Selbstmitleid bestimmten mein Leben.

Diagnose: narzisstische Persönlichkeitsstörungen.

Weil für mich existentiell zunächst das Sein das Bewusstsein bestimmt, habe ich dieser Diagnose eine Anamnese zum Selbstwertschutz hinzugefügt:

Diese entstanden in einer narzisstischen Gesellschaft, die von unreifen Verhalten und kindischen Werten geprägt wird.

Doch seit ich mich dem Schmerz der Bewusstwerdung stelle, lerne und reife ich aus dieser diagnostischen Stigmatisierung heraus.

Auch weiß ich jetzt, dass Tiere in bedrohlichen Situationen nicht nur kämpfen oder fliehen, sondern sich oft auch Tod stellen. So kann ich meine eigenen depressiven Todessehnsüchte als biologische  Traumatisierungen in meiner Lebensgeschichte erkennen. Lerne mit Unterstützung einer körperorientierten Psychotherapie mir diese Opfermuster bewusst zu machen. Kann meine Wünsche nach Bewegung und Berührung, nach gemeinschaftlichen Erleben mit andern als evolutionäres Erbe verstehen, das für meine Existenz lebensnotwendig ist.

Bin froh, das mich meine Neugier immer wieder zum Lernen und Leben  antreibt, wenn ich in eigenbrötlerischen habgierigen Lebensweisen zu erstarren drohe. Bin dankbar, dass ich immer wieder auf  Menschen treffen durfte, die versuchen in unserer entgleisten Suchtkultur „Inseln der Heilung“ zu schaffen. Die bereit sind ihr Denken und Leben zu verändern und diese Erfahrungen mit zu teilen.

Nur so können wir im kreativen Austausch neue Formen der Selbsthilfeorganisation entwickeln, die Menschen, die in süchtige Lebensorientierungen und -krisen geraten sind, wieder Halt, Sinn und Orientierung geben können.

Dies gelingt nur mit Menschen, die nicht nur an ihren eigenen Vorteil oder ihr egozentrische Fortkommen denken, sondern das Risiko von Verantwortung und Gestaltungswillen auf sich nehmen.

Menschen, die bereit sind im gleichberichtigtem Austausch sozial ökologische Netze zu knüpfen, die nicht nur  für uns Suchtkranke –für ein Leben ohne Drogen notwendig sind-, sondern für das Überleben aller Menschen auf diesem Planeten.

Ich möchte mit einem Zitat eines Experten für Bewusstwerdung (Tenzin Gyatso , 14. Dalai Lama ) schließen:

„Gib niemals auf!  Egal was passiert! Gib niemals auf und entwickle Dein Herz!  Es gib zu viele Vorgaben in Deinem Land, die entwickeln den Verstand anstelle des Herzens. Entwickle Mitgefühl. Nicht nur für Deine Freunde sondern für jedes fühlende Wesen!. Entwickle Frieden! Entwickle Mitgefühl! Ich sage es noch einmal: Gib niemals auf! Egal, was passiert:

GIB NIEMALS AUF!

Klaus Georg Wolff           1.September 2009

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