Mode ist eine chronische Stoffwechselkrankheit

Georg Wolff

Georg Wolff

Co-Referat zum Seminar :„In der „Falle der Konsumfreiheit“ –wenn Shopping zum Suchtproblem wird“
15. Suchttherapietage am 26.Mai 2010 15.30- 17.00 an der Universität Hamburg

Ich beginne mit einem Zitat aus einem Interview mit dem Architekten und Design– Theoretiker Friedrich von Borries, das unter dem Titel „Retortenwelt“ in der „brand eins“ 10/09 erschien :

Frage : „Der Architekt Rem Koolhaas hat das Einkaufen als letzte verbliebene Möglichkeit bezeichnet, an öffentlichen Aktivität teilzuhaben. Übertreibt er?“
Antwort: „Leider nicht. Es geht aber um mehr als Shopping. Unternehmen benutzen den urbanen Raum, um Ihre Marken zu inszenieren und so Erlebnisse für die Endverbraucher zu schaffen. Das Erlebnis ist, zum Beispiel für Nike, das Mittel, um ins emotionale Gedächtnis des Konsumenten zu gelangen. Und wo erreiche ich den Konsumenten, ohne das er es merkt und sich gegen Werbung sperrt?
Im öffentlichen Raum. Denn dort habe ich einfach eine andere Aufnahme-bereitschaft und keine Möglichkeit, die Werbung wie im Fernsehen weg zu zappen.“

In diesem Interview wird beschrieben, wie Marketing im öffentlichen Raum den Menschen „Sinn und Orientierung“ gibt. Dies hat für Menschen, die über keine gesunden Fähigkeiten aktiver Selbstwertsteigerung und einen gesunden Selbstwertschutz verfügen, oft fatale Folgen. Sie erleben durch das Konsumieren eine passive Selbstwerterhöhung, ein erkauftes Image. Da dies nicht ihren wahren Charakter wiederspiegelt, hat dieses unechte Verhalten negative Auswirkungen auf ihre Beziehungs- und Bindungsfähigkeiten. Der Lustgewinn, der durch das Konsumieren entsteht schlägt dann schnell in Scham- und Schuldgefühle um, die um nicht als Unlustgefühle und Depressionen erlebt zu werden, durch das erneute Konsumieren unterdrückt werden. Dies führt zu einem sog- haften Verhalten, das als umgangssprachlich Sucht bezeichnet wird. Nach einigen Untersuchungen sind davon mind. 6-8% der in Deutschland lebenden Menschen betroffen.
Für Menschen, die in diesem Teufelskreis gefangen sind, bedeutet dies häufig, das sie um die Sucht aufrecht erhalten zu können, bereit sind gegen gesellschaftliche Regeln zu verstoßen. So kommen sie dann über kurz oder lang mit unserem Polizei- und Justizwesen in Kontakt, weil sie in entweder in der Schuldenfalle sitzen oder gar gegen Strafgesetze verstoßen haben.

Strafe ist sicher nicht die Lösung um dieses Fehlverhalten zu verändern, weil Menschen, die unter süchtigmachenden „seelischen Löcher““ leiden, lernen müssen ihre psychischen Grundbedürfnisse anders zu befriedigen. Bereit sein sollten, die süchtigen Vermeidungsstrategien, durch andere Lösungsmuster zu ersetzen. So das
sie zukünftig in emotionalen Belastungssituation gefestigter reagieren können. Dazu benötigen sie Hilfe ,um eine andere Lebensorientierungen zu erlernen, die sie dann erfolgreich verfolgen können.

Das Prinzip „Therapie statt Strafe“ sollte nach meinem Erkenntnisstand auch für Verhaltenssüchtige eingeführt werden, um ihnen eine biografische Umorientierung zu erleichtern.
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Gleichzeitig sollten wir aber auch über Maßnahmen der Verhaltensuchtprävention und des Jugend- und Verbraucherschutz im Bereich der „Verhaltenssüchte“ nach denken, und nicht aus habgierigen Motiven jeder beliebigen Form der „Konsum-freiheit“ Tor und Tür öffnen, wie es zur Zeit leider im Bereich des Glückspiels geschieht.

Auch sollten wir über eine Steuerung durch Steuern, die Mittel erwirtschaften die wir für den Therapiebedarf, der durch die Verhaltenssüchte entsteht, zu finanzieren. Dies entlastet nicht nur von den Kosten für ein teureres Polizei- und Justizsystem, sondern senkt auch die finanziellen Belastungen der Sozialsysteme.

Ich möchte diesen Beitrag mit einem Zitat von Erich Fromm schließen:
„Wenn die Menschen jemals frei werden, das heißt dem Zwang entrinnen sollen, die Industrie durch pathologischen Konsum auf Touren zu halten, dann ist eine radikale Änderung des Wirtschaftssystem von vonnöten: dann müssen wir der gegenwärtigen Situation ein Ende machen, in der eine gesund Wirtschaft nur um den Preis kranker Menschen möglich ist.
Unsere Aufgabe ist es, eine gesunde Wirtschaft für gesunde Menschen zu schaffen.“

Einige ausgewählte Literaturhinweise zum Thema:

Astrid von Friesen
„Geld spielt keine Rolle – Erziehung zum Konsumrausch“
Reinbek 1991

Florian Illies
„Generation Golf – Eine Inspektion“
Frankfurt am Main 2001

Helmut Kolitzus
„Von Kaufsucht bis Onlinesucht: Die Vielen Gesichter der Abhängigkeit – Im Sog der Sucht“
München 2009

Astrid Müller
Wenn Shoppen zur Sucht wird“
in „Gehirn und Geist“ 9/2009

Wolfgang Schmidtbauer
„Jetzt haben, später zahlen – Die seelischen Folgen der Konsumgesellschaft“
Reinbek 1995

Manfred Spitzer
„Frontalhirn an Belohnungssystem“
in Nervenheilkunde 9/2008

Zu meiner Person: Klaus Georg Wolff, Dipl.- Ökonom, Mitarbeiter für Selbsthilfe-förderung in „Die Brücke“ Beratungs- und Therapiezentrum e.V., Walddörfer Str. 337, 22047 Hamburg .Tel. O40 668 36 37 19.-20.Mai 2010
19.-20.5.2010

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