Kunsttherapie

Martina Koeppen (MdBü)

Martina Koeppen (MdBü)

Am 29.06.2011 hat die Bürgerschaftsabgeordnete Martina Koeppen in unserer Einrichtung sMUTje in Stellingen eine Ausstellung mit Bildern von Menschen mit Handicap eröffnet.

Wir dokumentieren hier die Rede des Kunsttherapeuten Franz Koopmann.

Kennen Sie sich aus mit Kunst? Warum gefallen Ihnen manche Bilder und andere nicht? „Kunst entsteht im Auge des Betrachters“, dieser Satz wurde durch Picasso berühmt, obwohl er eigentlich von Shakespeare stammt: „Beauty is in the eye of the beholder“. Aber was ist damit eigentlich wirklich gemeint?

Franz Koopmann

Franz Koopmann

Als wir am 1. 4. In die frisch gestrichenen Räume mit viel weißer Wandfläche  gezogen sind, beschlossen wir, Bilder von  Randgruppenkünstlern oder aus dem Stadtteil auszustellen. Wir hätten dann nicht so kahle Wände und die Künstler hätten ein ziemlich breites Publikum. Zufällig kamen wir in Kontakt mit der „Kunstdruckpresse“ der Stiftung Alsterdorf. Das freute mich sehr, weil ich selbst 1984 für 10 Jahre in Alsterdorf gearbeitet habe. Damals hieß das noch Alsterdorfer Anstalten. Kurz bevor ich dort anfing, befanden sich auch noch richtige Schlafsäle in diesen Anstalten, in denen geistig und seelisch beeinträchtigte Menschen sediert und z.T. an ihre Betten fixiert, vor sich hin vegetierten. Infolge eines schockierenden Artikels in der Zeit (1979 „Schlangengruben in unserem Land“), der Bilder zeigte, die heimlich von einem ZDL gemacht wurden, kam es zu Verbesserungen: Die Betroffenen zogen in kleinere Wohngruppen mit besserem Betreuungsschlüssel, die sich allerdings immer noch in 6 und mehrstöckigen, klinikähnlichen Gebäuden auf  dem Gelände der Anstalt befanden. Die Wohngruppen waren zum großen Teil immer noch den ganzen Tag abgeschlossen. Die Mitarbeiter aber entstammten zum größten Teil einer neuen Generation mit Aufbruchsstimmung und Ideen. In den „Beschäftigungstherapien“ auf dem Gelände wurde nicht mehr nur gehäkelt oder Papiertaschen geflochten.

Gäste

Gäste

In meiner Wohngruppe arbeitete wieder ein ZDL, mit dem ich mich schon viel über kreatives Potenzial auch von Behinderten austauschte. Das war Kay Boysen, der später in einer anderen WG, der Station 17, sein erfolgreiches und berühmtes Musikprojekt „Station 17“ gründete. Etwa gleichzeitig entstand aus der Beschäftigungstherapie das Kunstprojekt „Die Schlumper“. Es verwirklichte sich eine Vision: Menschen mit geistigen und seelischen Beeinträchtigungen waren kreativ Schaffende, konnten ihr Welterleben ausdrücken und standen gleichwertig neben anderen, nicht behinderten Künstlern bei Konzerten auf Tourneen oder in Galerien bis nach New York. Mit der Zeit veränderte auch Alsterdorf nicht nur den Namen. Das Anstaltsgelände wurde öffentlicher Raum mit Kultur, Café und Wochenmarkt, die Wohngruppen wurden dezentralisiert in kleine, offene Wohngemeinschaften, möglichst mitten in städtische Wohnviertel. Die ehemalige, ausgegrenzte Randgruppe wurde zu einem großen Teil in unser Alltagsleben integriert. Und es zeigt sich: die „Normalen“ haben keine großen Probleme damit.  So ein Projekt wie die „Kunstdruckpresse“ versteht sich denn auch nicht mehr als Beschäftigungstherapie, sondern als Werkstätte und als öffentliche Galerie, in der eine bestimmte Gruppe von Menschen ihrem normalen Tagwerk nachgehen.

Zurück zur Frage: Was ist eigentlich Kunst? Für mich ist Kunst ist in erster Linie auch eine Lebenseinstellung, die Fähigkeit, Perspektiven zu wechseln, was z.B. solche Projekte ermöglicht. Ich sehe es wie der Künstler und Kunstprofessor  Joseph Beuyss (der mit dem Hut): „Jeder Mensch ist ein Künstler.“  Etwas radikaler formulierte ein anderer prominenter Mann: „Wenn du hervorbringst, was in dir ist, wird das, was in dir ist, dich retten. Wenn du nicht hervorbringst, was in dir ist, wird das, was in dir ist, dich zerstören.“  Lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen….  Da kann einem schon etwas schummerig werden. Dieser Satz steht übrigens im Thomas Evangelium, Jesus soll ihn gesagt haben (ich fand ihn bezeichnenderweise in einem Traumabuch).

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