Kunst und Beratung

Kersten Artus

Kersten Artus

Die Beratungsstelle „sMUTje“ für junge Menschen mit Essstörungen in Stellingen hat zum dritten Mal eine Ausstellungseröffnung durchgeführt. Mittlerweile hat sich die kleine Kunstgalerie herumgesprochen und eine Verdener Künstlerinnengruppe präsentierte ihre Bilder. Die deutsch-französische Gruppe „Malzeit am Wall“ hat sich mit dem Thema Essstörungen auseinandergesetzt.

Die Ausstellung wurde von der Vizepräsidentin der Hamburger Bürgerschaft, Kersten Artus eröffnet. Sie stellte zum Thema fest: „Die Essstörung ist Trotzreaktion und Kontrollinstrument zu gleich. Deswegen ist es ein bedeutsamer Schritt für jedes Mädchen, jede Frau, ihren Körper als das einzigartige Geschenk anzunehmen und nicht gegen ihn zu kämpfen. Denn, das wissen viele hier im Raum Versammelte, diesen Kampf kann man nur verlieren.“

Sie ließ sich die Ausstellung von den Künstlerinnen erläutern, die alle nach Hamburg angereist waren. Frau Artus dazu: „Diese Körpervielfalt wie in dieser Ausstellung darzustellen, ist nicht nur ein wichtiger Beitrag, es ist auch ein Augenschmaus.“

mehr als allein

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Das fand auch das zahlreich anwesende Publikum und einige Bilder fanden sogleich Käufer. Die Künstlerinnen waren beeindruckt von der Wirkung ihrer Bilder in den Therapieräumen. Die Französin Sylvie Hacault sagte, dass die Werke berühren sollen. Offensichtlich passen engagierte therapeutische Arbeit und ausdrucksstarke Kunst gut zusammen.

Der Ehrenvorsitzende des Eidelstedter Bürgervereins, Ulrich Winkel und der Vorsitzende des Eidelstedter Bürgerhauses, Joerg Kilian sind beide sehr aktiv in Sachen Stadtteilkultur und äußerten sich zufrieden, dass Stellingen mit sMUTje eine schöne Kunstgalerie bekommen hat. Sie gibt der Stadtteilkultur neue Impulse.

Im Folgenden dokumentieren wir das Grußwort zur Ausstellungseröffnung „Leiblinien“ am 7. März 2012 in Hamburg von Frau Artus:

Wie sieht ein idealer Körper aus? Warum sind wir mit dem, den wir haben, so selten zufrieden? Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper umgreift viele Mädchen und Frauen ein ganzes Leben lang. Sie umgreift so dermaßen, dass sie unglaublich viel Kraft und Zeit in Anspruch nimmt.

Das Leben zu bewältigen, wenn ich ständig damit beschäftigt bin, mich zu fragen, wie ich aussehe, was ich essen möchte, warum ich schon wieder zu viel gegessen habe, wo die nächste Toiletten ist, um mich wieder zu entleeren, warum ich einfach nicht perfekt sein kann und warum ich ständig die Kontrolle verliere, das macht krank.

Und dennoch ist es so, dass Hunderttausende Frauen und Mädchen, manche schon im Grundschulalter, davon besessen sind. Und es lässt viele Frauen selbst dann nicht los, selbst wenn wir Großmutter geworden sind.

Die Verschiedenartigkeit menschlicher Körper anzunehmen, und die Einzigartigkeit des eigenen, das lohnt sich. Und es sagt sich so leicht, aber das ist es nicht. Es ist wohl das Schwierigste, denn die Essstörung, sei es Bulimie oder Anorexie, ist oft zu einer guten Freundin geworden, die mich schützt und die mir Antworten gibt, die mir meine Welt nicht gegeben hat. Sie gibt mir auch Halt, diese gute Freundin. Und sie gibt mir Kraft. Das glaube ich, das suggeriert sie mir. Denn ich merke nicht, dass sie mir viel mehr Kraft entzieht. Kraft, die ich zum Leben bräuchte, für meine Familie, meine Freunde, meine Arbeit, meine Sexualität, meine Muße.

Ich finde es wunderbar, dass wir hier eine Ausstellung ansehen können, die sich mit Körpern beschäftigt. Die alle einzigartig sind.

Ob mollig oder mager, das ist seit Jahrhunderten eine Frage der Mode. Über die Jahrhunderte hinweg war Fett ein Statussymbol. Der natürlich gewölbte Bauch der Frau stand bis weit ins 17. Jahrhundert im Zentrum erotischer Aufmerksamkeit. Dann wurden die Frauen ins Korsett gezwängt. Nach 1945 verkörperten Frauen wie Brigitte Bardot und Marylin Monroe das Frauenschönheitsideal. In den 1960er Jahren wandelte sich der Körperkult – hin zum flachen Bauch, jungenhaften Aussehen.

Wir können daran erkennen: Wir sind nie wir selbst, wenn wir unseren Körper fühlen, betrachten und bewerten. Wir sind soziale Wesen und wir sind geprägt und abhängig von unserem Umfeld.

Die Essstörung birgt abgesehen davon noch etwas Tieferes: Sie ist Ausdruck von mangelnder Aufmerksamkeit, zu wenig Zuwendung und Bestätigung in den ersten Kindheitsjahren. Die seelische Vernachlässigung, die immer ein Gewaltverhältnis gegen das Kind zum Ausdruck bringt, muss ein Leben lang gefüllt werden – vorzugsweise in dieser Überflussgesellschaft mit Lebensmitteln.

Die Essstörung ist Trotzreaktion und Kontrollinstrument zu gleich. Deswegen ist es ein bedeutsamer Schritt für jedes Mädchen, jede Frau, ihren Körper als das einzigartige Geschenk anzunehmen und nicht gegen ihn zu kämpfen. Denn, das wissen viele hier im Raum Versammelte, diesen Kampf kann man nur verlieren.

Diese Körpervielfalt wie in dieser Ausstellung darzustellen, ist nicht nur ein wichtiger Beitrag, es ist auch ein Augenschmaus. In jedem Körper steckt Leben. Oder anders gesagt: Ohne Körper kein Leben. Und so wie das Leben Vielfalt ist, ja, ohne Vielfalt sich gar nicht entwickeln könnte, machen auch die Einzigartigkeiten aller Körper Vielfalt aus, ohne die wir uns nicht entwickeln, geschweige denn leben könnten.

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