Glücksspielen als Suchtform

Dr. Bert Kellermann

Dr. Bert Kellermann

Pathologisches Glücksspielen als typische Suchtform
von Dr. med. Bert Kellermann

Referat während der 8. Jahrestagung des Bundesweiten Arbeitskreises Glücksspielsucht am 13./14.11.97 in Bad Hersfeld

Sehr geehrte Damen und Herren,
vor 3 Wochen erhielt ich von einem Rechtsanwalt zur Stellungnahme ein psychiatri-sches Gutachten über einen Glücksspieler in Kopie. Der Rechtsanwalt verteidigt diesen jungen süchtigen Glücksspieler, der infolge seiner Sucht Straftaten begangen hat. Es ist seit langem bekannt, daß süchtige Glücksspieler ebenso wie Drogenabhängige durch ihre Sucht Straftaten zur Geldbeschaffung begehen. Beschaffungsdelinquenz kommt bei teuren Suchtformen vor und ist ein typisches Symptom einer Glücksspielsucht: etwa die Hälfte der süchtig gewordenen Glücksspieler gerät in eine Beschaf-fungsdelinquenz. In einem solchen Fall ist es Aufgabe eines psychiatrischen Gutachtens, zu klären, ob bei dem Straftäter zur Tatzeit eine Glücksspielsucht vorge-legen hat und ob seine Straftat im Zusammenhang mit seiner Sucht steht. In diesem Gutachten, zu dem ich auf Bitte des Verteidigers Stellung nehmen sollte, wird die ty-pische Symptomatik einer Automaten-Glücksspielsucht beschrieben. Der junge Mann hatte bereits für ihn sehr hohe Geldbeträge verspielt und seine 1. Freundin und 3 Ar-beitsstellen durch seine Sucht verloren. Zuletzt war für ihn die Situation völlig hoff-nungslos, nachdem der Gerichtsvollzieher gekommen war und er auch seiner 2. Freundin Geld gestohlen hatte. Trotz der eindeutigen Symptomatik kam der Gutachter keineswegs zur Diagnose Glücksspielsucht bzw. – wie es derzeit offiziell heißt – Patho-logisches Glücksspielen im Sinne der verbindlichen psychiatrischen Klassifikationen ICD-10 und DSM-IV. Der Mann sei nach Meinung des psychiatrischen Gutachters zur Tatzeit psychisch gesund und damit voll schuldfähig gewesen. Dieser Gutachter ist kein Anfänger, sondern Universitätsprofessor und in dem betreffenden Bundesland der prominenteste Mann in der forensischen Psychiatrie.

Kurz vorher erhielt ich von einem anderen Rechtsanwalt das Gutachten eines anderen Psychiaters, ebenfalls ein Universitätsprofessor und derzeit für Pathologisches Glücksspielen weitgehend der Meinungsführer in der deutschen forensischen Psychi-atrie. Auch in diesem Gutachten wird die typische Symptomatik einer Glücksspielsucht, diesmal einer Casino-Glücksspielsucht geschildert. Es ging um einen glücksspielsüchtig gewordenen Bankdirektor, 50 Jahre alt, nicht vorbestraft. Dieser hatte Gelder der Bank bzw. der Kunden in Höhe von 8 Mio. Mark im Casino verspielt. Dieser Mann war praktisch täglich im Casino, bereits vom späten Nachmittag an. Meist soll er jeweils 5 TDM gesetzt und an mehreren Tischen gleichzeitig gespielt haben. Sein höchster Verlust an einem Abend seien 460 TDM gewesen. Noch bei der Begutachtung, also Monate nach dem Auffliegen, sagte dieser Mann, er habe das Geld nicht unterschlagen wollen, sondern sich nur vorübergehend ausgeliehen. Er sei immer noch davon über-zeugt, er hätte die Dinge wieder in Ordnung bringen können, wenn man ihn noch eine Zeit weitermachen hätte lassen. Der psychiatrische Gutachter in diesem Fall kam zu folgender Beurteilung: „Im Ergebnis der Untersuchungen ist festzuhalten, daß bei Herrn X keine psychiatrische Erkrankung im engeren Sinne vorliegt.“ Wieder wurde trotz der eindeutigen Symptomatik die Diagnose „Glücksspielsucht“ einfach ausgeblendet. Wenn man so etwas im medizinischen Staatsexamen tun würde, würde man durchfallen. Aber Universitätsprofessoren kann ja nichts passieren. Im Gutachten heißt es dann: “Anzumerken ist hier auch, daß Herr X, falls man ihm eine schwere seelische Abartigkeit (d. h. eine psychische Störung) attestiert, die zu einer erheblichen Beein-trächtigung der Steuerungsfähigkeit führte, besorgen läßt, daß er auch in Zukunft wie im letzten Jahrzehnt mit hochspekulativen Geschäften versuchen wird, seinen Millio-nenschulden zu entkommen.“ Hier empfiehlt also ein Arzt bei einer psychischen Krankheit Strafe als Therapie.

Ich habe den Eindruck, daß zunehmend häufiger im Gerichtsaal die Diagnose Glücksspielsucht weggezaubert wird. Aus meiner Sicht geschieht hier Unrecht.

Süchtige Glücksspieler werden nicht nur kriminell, sondern kommen in ihrer Verzweif-lung, wenn sie kurz vor dem Suizid stehen, auch ins psychiatrische Krankenhaus bzw. Sucht-Fachkrankenhaus zur stationären Therapie. Denn die Glücksspielsucht bzw. das Pathologische Glücksspielen im Sinne von ICD-10 und DSM-IV ist eine offiziell an-erkannte psychische Störung, die in der ICD-10 folgendermaßen beschrieben wird: „Die Störung besteht in häufig wiederholtem, episodenhaftem Glücksspielen, das die Le-bensführung der betroffenen Person beherrscht und zum Verfall der sozialen, beruflichen, materiellen und fami¬liären Werte und Verpflichtungen führt. Die Betrof-fenen set¬zen ihren Beruf und ihre Anstellung aufs Spiel, machen hohe Schulden und lügen oder handeln ungesetzlich, um an Geld zu kommen oder die Bezahlung von Schulden zu umgehen. Es wird ein intensiver, kaum kontrollierbarer Spieldrang beschrieben. (…) Die gedankliche Beschäftigung und die Drangzustände verstärken sich häufig in belastenden Lebenssituationen. (…) Die Hauptmerkmale sind: 1.) Dau-erndes, wiederholtes Spielen. 2.) Anhaltendes und oft noch gesteigertes Spielen trotz negativer Konsequenzen wie Verar¬mung, gestörter Familienbeziehungen und Zerrüttung der per¬sönlichen Verhältnisse.“

Man sollte davon ausgehen können, daß die Krankenkassen bzw. Rentenversiche-rungen bei suchtkrank gewordenen Glücksspielern wie bei anderen Suchtkranken die stationäre Therapie finanzieren würden. Dies ist jedoch immer seltener der Fall. Zur Illustration: Unsere Ochsenzoller Suchttherapiestation für die legalen Suchtformen stand zwischen 1984 und 1992 an erster Stelle in Deutschland hinsichtlich der Anzahl der stationär aufgenommen Glücksspieler. Dies ergibt sich auch aus den Jahrbüchern Sucht der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren. Damals waren bis zu 25% der Patienten auf dieser Station Glücksspieler, die anderen hauptsächlich Alkohol-kranke. In den 90er Jahren haben die Krankenkassen und die LVA Hamburg noch anerkannt, daß eine Glücksspielsucht so schwer sein kann, daß eine Krankenhaus-behandlung und eine stationäre Suchttherapie notwendig wird. Doch das ist leider Vergangenheit, die Spitzenverbände der Krankenkassen und der Rentenversicherun-gen haben grundsätzlich anders entschieden. Jetzt erreicht man trotz aller Mühen nur höchst selten eine Kostenübernahme bei Glücksspielsucht, obwohl Herr Prof. Krasney, Vizepräsident des Bundessozialgerichtes und anerkanntester Experte für die sozialrechtlichen Vorschriften bei der Betreuung Suchtkranker, mehrmals und eindeutig zu dieser Frage Stellung genommen hat, wofür wir ihm sehr dankbar sind.

Man könnte es lustig finden, wie eine ernsthafte psychische Krankheit von entschei-denden Leuten einfach nicht wahrgenommen, sozusagen weggezaubert wird. Wenn man aber mit der Not der Betroffenen und ihrer Familien konfrontiert ist, kann man über solche Spielchen nicht mehr lachen, vor allem, wenn man vielleicht mit dem vor-handenen Therapieangebot für Suchtkranke helfen könnte, aber nicht helfen darf. Die Besserwisser am Grünen Tisch erleben ja nicht die Not der Betroffenen. Auch hier ge-schieht m. E. Unrecht. Denn nach § 4 des Sozialgesetzbuches I hat jeder, der in einer gesetzlichen Krankenkasse oder Rentenversicherung Mitglied ist, ein Recht auf die notwendigen Maßnahmen zum Schutze, zur Erhaltung, zur Besserung und zur Wiederherstellung seiner Gesundheit und seiner Leistungsfähigkeit.

Ein weiteres Zauberkunststück im Zusammenhang mit der Glücksspielsucht: Ein Mar-burger Universitätsprofessor hat in Laboruntersuchungen 150 Probanden beim Spielen an zwei ver¬schiedenen Automaten jeweils eine Stunde lang beobachtet und dabei viele Daten gewonnen, aus denen er tatsächlich den Schluß zieht, durch das Spielen an den Groschenautomaten könne niemand süchtig werden, da daran sich kein großer Ge¬winn wie beim Roulette erzielen lasse. Dieser Universitätsprofessor übersieht da¬bei, daß die Automatenspieler auf Dauer zwar keine großen Gewinne, je¬doch unzweifelhalft riesengroße Verluste erleiden und daß es den meisten Automaten¬spielern gar nicht um einen hohen Gewinn, sondern um das Gewinnen d. h. das „Hochdrücken“, das Besiegen des per¬sonifizierten Automaten geht. Zudem sind auch „kleine“ Gewinne faszinie¬rende Gewinne, besonders wenn sie bei den ersten Spielen eintreten (auffällig viele Spieler berichten, in der ersten Zeit mehr gewonnen als verloren zu haben – in der Formulie¬rung der erfahrenen Spie¬lertherapeutin Ilona Füchtenschnieder: „Wer Pech hat, gewinnt – zu Anfang“). – Bezeichnender¬weise verfügt dieser Universitätsprofessor über keine eigenen Erfahrungen in der Therapie von Glücksspielern oder anderen Süchtigen; er ist – Sportwissenschaftler. Ver¬mutlich wäre er sonst nicht von der Annahme ausgegangen, durch einstündige Laborversu¬che eine Suchtentwicklung be-ob¬achten zu können. Bemerkens¬wert ist auch, daß er die klini¬sche Realität in keiner Weise zur Kenntnis nimmt und sich auch nicht durch die veröf¬fentlichten Erfahrungen informiert („drum schloß Palmström messerscharf: nicht sein kann, was nicht sein darf …“). Sein Schlußsatz: „Die Gefahr geht also nicht vom Geldspiel¬automaten aus, sondern von denen, die ihn verteu¬feln.“ Gemeint sind damit ausdrücklich „Meyer und seine An¬hänger“.

Gerhard Meyer hat bekanntlich als erster aufmerksam gemacht auf das Problem der durch die Spielhallenautomaten erzeugten Glücksspielsucht. Er ist deshalb von der Automatenwirtschaft heftig attackiert worden. Ich bin Anhänger von Meyer, weil seine Erkenntnisse meinen klinischen Erfahrungen entsprechen. Von mir kann ich sagen, daß ich einer der ersten in der Suchttherapie tätigen Psychiater bin. Da ich Angestellter in einem kommunalen Krankenhaus bin, habe ich auch keine wirtschaftlichen Interessen an der Klärung der Frage, ob eine Glücksspielsucht eine schwerwiegende psychische Störung ist oder nicht. Allerdings als Arzt fühle ich mich selbstverständlich auch als Interessenvertreter unserer Patienten, zumal sonst niemand ihre Interessen gegen die Interessen der Glücksspielwirtschaft vertritt. Das gehört übrigens nach der Berufsordnung für Ärzte auch zu meinen definierten Berufspflichten.

Die Hybris und die Naivität mancher Wissenschaftler, die sich und ihr in der Öffent-lichkeit gutes Image eines Uni¬versitätsprofessors von finanzstarken Interessenten-gruppen mißbrauchen lassen, macht den Praktikern ihre ohnehin schon schwere Arbeit noch schwerer. Andere Wissenschaftler, die ebenfalls keine Suchtexperten sind, haben durch private Definitionen des Suchtbegriffs, ohne Rücksicht auf offi¬zielle Sucht-Defini-tionen, „beweisen“ wollen, daß es keine Glücksspielsucht geben könne.

Was ist eigentlich Sucht?
Abgesehen von der Substanzabhängigkeit bzw. dem auf Substanzkonsum bezogenen Abhängigkeitssyndrom gibt es noch keine offizielle Sucht-Definition, die für alle, auch die nicht substanzgebundenen Suchtformen zutrifft. Weil diese Frage für Sucht-Prävention und Sucht-Therapie sehr wichtig ist, habe ich mit Gerhard Meyer und Mei-nolf Bachmann zusammen 1994 versucht, in der Fachzeitschrift „Sucht“ einen empi-risch-pragmatischen Suchtbegriff vorzuschlagen. Unser Aufsatz wurde jedoch abge-lehnt. Ich habe ihn dann ein Jahr später in gekürzter Form als Vorschlag einer Sucht-definition dort eingereicht, wieder erfolglos. Dann habe ich es ausführlicher, nämlich in Buchform bei zwei Fachverlagen versucht – ebenfalls ohne Erfolg.

Es ist erfahrungsgemäß außerordentlich schwierig, Außenstehenden psychopatholo-gische Phänomene wie Wahn, Angst, Zwang, Depression und vor allem Sucht ver-ständlich zu machen. Für die unter uns, die keine Suchtfachleute sind, will ich versu-chen, in aller Kürze den Suchtbegriff zu definieren:

Zunächst zum Begriff „Suchtmittel“: Natürlich ist es nicht einfach, diesen Begriff zu definieren. Wir wissen aber durch immer wieder bestätigte Erfahrungen: Es gibt be-stimmte psychisch wirksame Substanzen oder Tätigkeiten, die Menschen süchtig ma-chen können. Sie machen sich selbst für den Konsumenten scheinbar unentbehrlich, sie binden wie Klebstoff den Konsumenten an sich und unterwerfen ihn sich, die Kon-sumenten geraten in eine Art Psycho-Falle und kommen von diesen psychisch wirk-samen Substanzen oder Tätigkeiten nur mit größten Schwierigkeiten und erst nach langer Zeit, wenn überhaupt, wieder los. Die faszinierend positiven psychischen Effekte durch den Suchtmittelkonsum stellen sich später immer weniger ein. Wie bei einer unglücklichen Liebe schwankt der suchtkrank gewordene Mensch immer intensiver zwischen Hoffnung und Enttäuschung.

Suchtmittel sind also – vereinfacht gesagt – bestimmte psychisch wirksame Substanzen oder Tätigkeiten, die anfangs Genußmittel sind, später aber zu Betäubungsmitteln werden können. Sie erfüllen anfangs wirksam die gewünschten Funktionen auf die Psyche, machen sich aber zunehmend unentbehrlich, d. h. der betreffende Suchtmit-telkonsument wird von ihnen abhängig, also suchtkrank und glaubt, ohne sein Suchtmittel kaum mehr existieren zu können.

Die psychischen und sozialen Aspekte und Hintergründe der Sucht werden seit langem in verschiedener Weise betrachtet; große Fortschritte scheint es da nicht zu geben. Hingegen wird erstaunlich wenig die banale Tatsache beachtet, daß kein Mensch süchtig werden würde, wenn es keine Suchtmittel gäbe. Ohne Suchtmittel gibt es selbstverständlich keine Sucht. Andererseits wird immer deutlicher: je mehr Suchtmittel verfügbar sind, desto mehr Menschen konsumieren sie, und desto mehr Menschen werden süchtig. Extrem banal, trotzdem eine Tatsache: Sucht ist in erster Linie die Folge von Suchtmittelkonsum.

Statt lange darüber zu spekulieren, warum ein Mensch süchtig, d. h von bestimmten Substanzen oder Tätigkeiten abhängig wird, könnte man doch erst einmal die Tatsache festhalten, daß ein Mensch nicht durch den Konsum von Buttermilch oder Schachspielen süchtig wird, sondern eben durch bestimmte und bekannte Suchmittel, d. h. Substanzen und Tätigkeiten, die ein mehr oder minder hohes Suchtpotential be-sitzen.

Die Modellsucht Nikotinabhängigkeit macht deutlich, daß praktisch jeder Mensch niko-tinabhängig werden kann, der Nikotin konsumiert. Wir wissen als Erfahrungstatsache, daß auch psychisch und psychosozial relativ gesunde und stabile Menschen in eine Nikotinabhängigkeit geraten können, wenn sie begonnen haben, Nikotin zu konsumie-ren. Es kann also jeder Mensch süchtig werden, wenn er potentielle Suchtmittel, d. h.  psychisch wirksame Substanzen oder Tätigkeiten mit einem Suchtpotential konsumiert. Dies widerspricht nicht der Erfahrungstatsache, daß manche Menschen erhöht suchtgefährdet sind.

Zur Illustration ein Gedankenexperiment: Man steckt 100 psychisch und psychosozial offensichtlich gesunde Menschen in ein Lager mit frustrierenden und quälenden Le-bensbedingungen und gibt ihnen Heroin, soviel sie wollen. Ich vermute, daß zumindest 50 von ihnen im Laufe der Monate heroinsüchtig werden, weil sie begonnen haben, sich mit Heroin zu betäuben.

Andererseits ist bekannt, daß manche Menschen Heroin, das Suchtmittel mit dem wohl höchsten Suchtpotential, über Jahre kontrolliert ab und zu konsumieren können, ohne süchtig zu werden. Diese Heroinkonsumenten beachten sehr sorgfältig strenge Kon-sumregeln und konsumieren Heroin äußerst vorsichtig, weil sie sich bewußt sind, daß sie sozusagen einen Lastwagen mit Dynamit über eine holprige Landstraße transportieren, der durch einen Fahrfehler jederzeit in die Luft fliegen kann.

Für alle Formen der Suchtkrankheit, auch für die Glücksspielsucht sind zwei Merkmale bzw. Krankheitssymptome besonders typisch: das Kontrollverlust-Phänomen und das Phänomen, daß der Suchtmittelkonsum zwangsartig trotz negativer Konsequenzen fortgesetzt wird.

Zunächst zu dem zweiten Phänomen, das meist recht spät im Suchtverlauf auftritt:
Eine Suchtkrankheit führt früher oder später zu negativen Konsequenzen, vor allem zu Folgeschäden im Psychosozialbereich wie Verlust von Familie und Partnerschaft und Verlust der sozialen Existenz, also vor allem des Arbeitsplatzes. Dies ist seit langem durch die negativen Konsequenzen einer Alkoholabhängigkeit bekannt. Für alle Sucht-formen – dies gilt auch für Glücksspielsucht – ist es typisch, daß die Betroffenen trotz der drohenden oder bereits eingetretenen negativen Konsequenzen ihres Suchtmittelkonsums diesen in der Regel keineswegs einstellen, sondern – paradoxer-weise – eher noch intensivieren.

Dementsprechend heißt es im DSM-III-R, der Vorgängerfassung des DSM-IV als 9. Merkmal des Pathologischen Glücksspielens:
„Fortsetzen des Spielens trotz Unfähigkeit, die wachsen¬den Schulden zu zahlen, oder trotz anderer bedeutender sozia¬ler, beruflicher oder gesetzlicher Probleme, von denen der Betrof¬fene weiß, daß sie durch Spielen verschlimmert werden.“

Statt aufzuhören, spielt ein Glücksspieler immer weiter, obwohl seine Verlust-Gesamtsumme immer größer und damit seine Verschuldung immer schlimmer wird. Trotzdem spielt er weiter (genauer: deswegen spielt er weiter).

Aus diesem zweiten suchttypischen Phänomen wird deutlich, daß das Glücksspielen für den süchtigen Spieler der zentrale Lebensinhalt, sein oberster Daseinswert geworden ist. Hierfür riskiert er seine Partnerschaft und Familie, auch wenn diese ihm an sich sehr wichtig sind, und seine berufliche Existenz.

Süchtige Fehlentwicklungen sind also gekennzeichnet dadurch, daß negative Konse-quenzen des Verhaltens nicht zu einer Verhaltenskorrektur führen, sondern parado-xerweise sogar zu einer Intensivierung des (Fehl)-Verhaltens. Ein Außenstehender schließt von sei¬nen Verhal¬tensmöglichkeiten in einer solchen Situation  aus darauf, daß diese auch einem süchtig gewordenen Menschen zur Verfügung stehen müßten, und fragt sich, warum der Süchtige nicht „einfach aufgehört“ habe. Genau dies kann nach klinischen Er¬fahrungen der süchtig gewordene Mensch praktisch nicht mehr. Denn der Süchtige befindet sich in typi¬scher Weise in einem circulus vitiosus, in einem Teufelskreis, in einer Psychofalle: je höher der Druck durch die Folgeschäden, desto stärker das süchtige Ver¬halten, vor allem in der Funktion von Flucht- und Aus-weichverhalten zur Betäubung. Die zunehmende finanzielle, berufliche  und partner-schaftliche Gefährdung führt bei einem suchtkrank gewordenen Glücksspieler in der Regel lange Zeit nicht zu einem Versuch der Verhaltensänderung, sondern typi-scherweise zu einem eskalationsartigen Fortsetzen des süchtigen Verhaltens, d. h. seines Suchtmittelkonsums, wobei er durch das fortgesetzte Spielen nicht nur seine existentielle Angst, sondern auch seine Schuld- und Schamgefühle wegen seines süchtigen Verhaltens betäuben kann. Damit betäubt er durch das Glücksspielen auch seine für eine Verhaltens¬korrektur notwendigen Gefühle, nämlich seine Trauer über die zunehmende Verschlechterung seiner Lebenssituation, seinen Leidensdruck, ein suchttypischer Circulus vitiosus.

Während dieses zweite suchttypische Merkmal relativ spät auftritt, nämlich nach der Entwicklung von Folgeschäden des Suchtmittelkonsums, bspw. bei der Nikotinsucht oft erst nach vielen Jahrzehnten oder überhaupt nicht, ist das erste suchttypische Merkmal, das Kontrollverlustphänomen recht früh zu beobachten, auch bei der Nikotinsucht: Trotz aller Versuche schafft es ein süchtig gewordener Mensch praktisch nicht, den Konsum seines Suchtmittels, bspw. seinen Zigarettenkonsum dauerhaft zu reduzieren. Deshalb kapitulieren viele süchtige Raucher schließlich und stellen ihren Zigarettenkonsum völlig ein. Genauso ist es bei Alkoholikern. Bittere Realität ist jedoch: viele Suchtkranke können es über lange Zeit nicht akzeptieren, daß sie die Kontrolle über den Konsum ihres Suchtmittels verloren haben. Auch ein süchtig gewordener Glücksspieler kann nicht mehr kontrolliert spielen, auch wenn er sich dies einbildet. Er muß exzessiv spielen – oder ganz aufhören.

Es gibt noch einige andere suchttypische Merkmale bzw. Krankheitssymptome, auf die ich hier nicht eingehen kann.

Mit anderen Worten: Typisch für alle Suchtkranke – sowohl Alkoholiker, Heroinabhän-gige, Nikotinsüchtige, Glücksspielsüchtige usw. – ist:
    daß sie ihr Suchtmittel (vor allem im Anfangsstadium) als Flucht-Mittel bzw. Be-täubungsmittel konsumieren;
    daß sie ihr Suchtmittel kaum mehr mit Genuß konsumieren , sondern zwangsartig; sie glauben, sie müßten es unbedingt konsumieren;
    daß sie den Konsum ihres Suchtmittels kaum mehr frei steuern, kaum mehr mit ihrem Willen kontrollieren können („Kontrollverlust-Phänomen“);
    daß sie im Spätstadium ihrer Suchtkrankheit ihr Suchtmittel immer weiter konsu-mieren – trotz aller schon erlittenen und den eindeutig noch bevorstehenden nega-tiven Konsequenzen ihres Suchtmittelkonsums.

Glücksspielsucht als typische Suchtform
Alle wesentlichen und typischen Symptome einer Sucht sind auch bei der Glücks-spielsucht vorhanden. Da es sich um eine typische Suchtform handelt, ist es eindeu-tiger und exakter, von „Glücksspielsucht“ statt von Pathologischem (oder Exzessivem) Glücksspielen zu sprechen.

Glücksspielsucht ist die häufigste nicht substanzgebundene Suchtform bzw. Tätig-keitssucht. Allerdings herrscht bei Laien die Auf¬fassung vor, es gäbe nur substanz-gebundene Suchtformen. Da substanzungebundene Suchtformen in Deutschland bis zum Anfang der 80er Jahre sehr selten waren, waren sie nur Experten be¬kannt. Hinzu kommt, daß traditionsgemäß das Stoffliche, Materielle, Körperli¬che, Naturwissen-schaftliche sehr stark betont wird, paradoxerweise auch in der Psychiatrie. Aber schon Ende des vorigen Jahrhun¬derts setzten die damaligen Experten „Trunksucht“ (dies war damals die Fachbezeichnung für Alkoholab¬hängigkeit), „Morphiumsucht“ (entspricht der Heroinabhängigkeit  unter den jungen Menschen unserer Zeit) und die „Spielsucht“ in einen engen Zusammenhang. Tatsächlich ist die Glücksspielsucht die drittälteste Suchtform in Europa, war aber sehr selten geworden, nachdem in der Bismarckzeit die Casinos geschlossen worden waren.

Ich bin seit 1962 Krankenhaus-Psychiater. Seit 1977 leite ich die Suchtabteilung eines Allgemeinen Krankenhauses mit psychiatrischen Schwerpunkt. Ich habe es als Zeit-zeuge miterlebt, wie Anfang der 80er Jahre die ersten Automatenglücksspieler in die Psychiatrie kamen. Sie boten das typische Bild einer Glücksspielsucht. Bezeichnen-derweise wurden die modernen elektronischen Glücksspielautomaten sehr bald als Roulette des kleinen Mannes bezeichnet. Bevor es diese psychologisch außerordentlich raffinierten Geräte gab, hatten wir das Problem der Automaten-Glücksspielsucht nicht.

Damals war es in der Psychiatrie noch klar, daß es sich bei der Glücksspielsucht um eine typische Suchtform handelt. Eigentlich sollte dies auch heute noch klar sein: Denn nach den seit langem vorhandenen klinisch-psychiatrischen Erfahrungen können nicht nur bestimmte Substanzen wie Heroin oder Alkohol Suchtmittel sein, sondern auch bestimmte Tätigkeiten.

Laien sprechen gerne von Spielleidenschaft, weil sie glauben, es gäbe nur substanz-gebundene Suchtformen. Die körperlichen Aspekte bei Suchtkrankheiten werden tra-ditionell überbetont. Abhängigkeit ist jedoch ein psychisches Phänomen; es geht um psychische Vorgänge, die zwar meist durch bestimmte Substanzen, aber auch durch bestimmte Tätigkeiten ausgelöst werden. Zudem: Alle psychischen Vorgänge, z.B. Angst, haben auch selbstverständlich auch somatische, also naturwissenschaftliche Korrelatvorgänge im Gehirn, das ist wie die beiden Seiten einer Münze.

Wanke hat 1987 Sucht kurz und pragmatisch definiert „als unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebenszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen eines Individuums.“

Diese bestimmten Erlebniszustände bzw. psychischen Zustände sind vor allem wohlige Heiterkeit und Sorglosigkeit, gutes Selbstwertgefühl, Begeisterung, innere Ruhe und scheinbare Harmonie, sozusagen ein Zustand wie im Nirwana.

Erfahrungs¬gemäß können nicht nur bestimmte Substanzen, sondern auch bestimmte Tätigkeiten (wie eben Glücksspielen) als positiv empfundene psychische Wirkungen bei dem Konsumenten erzeugen. Die psychische Wirkung des Glücksspielens soll der des Kokains ähneln. Bei al¬len Suchtformen ist die jeweils als Suchtmittel verwendete Substanz (zum Beispiel Alkohol) oder Tätigkeit (z. B. Glücksspielen) nur Mittel zum Zweck: Es geht einem süchtig gewordenen Mensch (bspw. einem Alkoholiker) eigent-lich gar nicht um sein Suchtmittel (um den Alkohol), sondern um die durch den Konsum des jeweiligen Suchtmittels (Alkohol) erzeugte psychische Wirkung, um den be-stimmten psychischen Zustand.

Auch ist zu bedenken, daß die Unterschiede zwischen den ein¬zel¬nen Suchtformen oft stärker betont werden als die Gemeinsamkeiten, obwohl bei allen Formen der Sucht-krankheit die gemeinsamen Merkmale und das Wesen der Sucht identisch sind. Es gibt nur eine Sucht (syn. Abhängig¬keitssyndrom) als psychopathologisches Phänomen, nicht verschiedene Süchte. Zwar bestehen bei den ein¬zelnen – substanzgebun¬denen und nicht substanzgebun¬denen – Sucht¬formen suchtmit¬telspezifische Unterschiede, jedoch sind die ei¬gentlichen Merk¬male/Symptome einer Sucht bei allen Suchtformen gleich, wie ja auch die Angst identisch ist bei den ver¬schiedenen Phobieformen wie Spinnenphobie, Flugangst oder Klaustrophobie, unabhängig vom jeweiligen Auslöser. Selbstver¬ständ¬lich gibt es erhebliche sub¬stanzspezifische Unter¬schiede zwi¬schen den einzelnen Suchtformen, bei¬spielsweise zwischen einer Alko¬holsucht und einer Kokainabhängig¬keit, die Sucht selbst ist aber die gleiche, auch bei einer Glücksspiel-sucht.

Für den in der Suchtberatung und -therapie tätigen Psychiater, Psy¬chologen oder anderen Experten, der über Erfahrungen aus der Praxis verfügt mit Alkoholikern, Me-dikamentenabhängigen, Kokainabhängigen, Heroinabhängigen und Polytoxikomanen einerseits und Glücksspielsüchtigen ande¬rerseits, ist es eindeutig, daß die Glücks-spielsucht eine typische Suchtform ist. Das ei¬gentliche Wesen der Sucht, die psychi-sche Abhängigkeit (süchtige Bindung an ein Suchtmittel) und das suchttypische Kont-rollverlustphäno¬men lassen sich bei Glücksspielsüchtigen wesentlich klarer erkennen, weil hier die substanzspezifischen toxischen Überlagerungen fehlen. Bezeichnender-weise hat sich die gemeinsame Therapie von Alkoholkranken und Glücksspielern be-währt, zumal beiden Patientengruppen die Parallelen auffallen und die Spieler den Alkoholikern helfen bei der Erkenntnis, daß nicht der Teufel Alkohol schuld ist, sondern jeder die Verantwortung für oder gegen den suchtmittelfreien Lebensstil selbst über-nehmen muß.

Daß die typischen Symptome einer Sucht auch bei der Glücks¬spiel¬sucht bestehen, ergibt sich ebenfalls beim Vergleich der Be¬schrei¬bungen von Sub¬stanzabhängigkeit bzw. Abhängigkeitssyn¬drom mit der vom Pathologi¬schem Glücksspielen in den inter-national in Praxis und Wissenschaft anerkannten psychiatrischen Diagnose-Manualen DSM-III-R/IV und ICD-10: Im DSM-III-R stimmen 8 der je 9 Merkmale der Substanzab-hängigkeit und des Pathologischen Glücksspielens fast wört¬lich überein. Zu¬dem wird im DSM-III-R ausdrücklich betont: „Die Kriterien (nämlich für das Pathologi¬sche Glücksspielverhalten) wurden re¬vidiert, um (…) die Entsprechung zu wichtigen Merk-malen bei der Abhängigkeit von psychotropen Substanzen herauszustellen.“ In den „DSM-III-R-Falldarstellungen“ des Pathologischen Glücksspielens heißt es: „Die we-sent¬lichen Merkmale dieser Störung gleichen denen der Abhängig¬keit von ei¬ner psy-choaktiven Substanz. In beiden Fällen hat die Person, die abhängig ist, nur eine einge-schränkte Kon¬trolle über das Verhalten und setzt es, trotz starker negati¬ver Konse-quenzen, fort.“

In der wesentlich kürzeren ICD-10 wird zwar nicht ausdrücklich darauf hingewie¬sen, die Übereinstimmung ergibt sich jedoch durch den Ver¬gleich der Beschreibung des Abhängigkeitssyndroms und der des Pathologischen Glücksspielens: bis auf das Merkmal „Körperliche Abhängigkeit“ stimmen alle Merkmale überein, so daß hier die Worte „Substanzkonsum“ und „Glücks¬spielen“ ge¬genein¬ander ausgetauscht werden können. – Wenn die wesentlichen Symptome einer krankhaften Störung mit denen einer anderen identisch sind, also die der Glücksspielsucht und die der Substanzabhängigkeit, handelt es sich um eine Krankheitseinheit („nosologische Entität“).

Typisch auch: Sowohl Alkoholkranke und Drogensüchtige als auch Glücksspielsüchtige haben oft alkoholkranke Väter und/oder Mütter, (was nur zum kleinen Teil genetisch bedingt ist).

Auch die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren faßt das Patho¬logische Glücksspielverhalten als Suchtform auf und benutzt (neben dem Begriff Pathologisches Glücksspiel) den Terminus Glücksspielsucht. Die größte Selbsthilfegemeinschaft der pathologischen Glücksspieler, die Anonymen Spieler/GA bekennt sich eindeutig zum Suchtmodell.

Im bisher führenden deutschen Psychiatrie-Lehrbuch (Tölle 1994) wird im Sucht-Kapitel auch die dort so genannte Glücks¬spielabhängigkeit abgehandelt. In dem erst vor einem Jahr erschienenen und bereits sehr verbreiteten Psychiatrie-Lehrbuch von Möller heißt es im Sucht-Kapitel: „Demgegenüber kommt den sogenannten nichtstoffgebundenen Abhängigkeiten wie dem Glücksspiel bzw. der Spielsucht eine wachsende Bedeutung zu. Letztere breitet sich schleichend und unspektakulär in unserer Gesellschaft aus und birgt ein gravierendes Zerstörungspotential in sich.“ In einem führen¬den US-amerika-nischen Sucht-Textbuch werden die „gambling disorders“ zu den „addictive disorders“ gezählt. So ist es kein Zufall, daß sowohl in den USA als auch in West¬europa die Glücksspielerthera¬pie meist in Alkoholiker-Einrichtun¬gen stattfindet; zumal das Um-steigen von einem Suchtmittel auf das andere nicht selten ist.

Der international anerkannteste Glück¬spielsucht-Experte, der Psychiater Custer ver-wandte den Ter¬minus „gambling addiction“ und schrieb „compulsive gambling is an addictive illness“ und „The compulsive gamblers were using gambling the way alcoholics used alcohol – to escape from reality“. – In dem 1996 erschienenen US-amerikanischen Fachbuch „Explorations in Criminal Psychopathology“ schreiben die in Klinik und Wissenschaft kompetenten und als Experten für Pathologisches Glücksspie-len anerkannten Autoren R. J. Rosenthal und H. R. Lesieur in ihrem Buchbeitrag „Pa-thological Gambling and Criminal Behavior“: „(…), most clinicians and researchers working with it view it as an addiciton.“

In der Glücksspiel-Monographie von Meyer und Bachmann wird u.a. dargestellt, warum das Pathologi¬sche Glücksspiel als Suchtform aufzufassen ist.

In dem für die amerikanische Psychiatrie verbindlichen Dia¬gnostischen Manual psy-chischer Störungen, dem DSM-III-R (deutsche Ausgabe 1989), das international und auch in Deutschland in Wissenschaft und Praxis anerkannt ist und viel verwendet wird, wird Pathologisches Glücksspielen folgender¬maßen definiert:

„Hauptmerkmale dieser Störung sind die chronische und fort¬schreitende Unfähigkeit, der Versuchung zu Glücksspielen und anderem Spielverhalten zu widerstehen, wo-durch persönliche, familiäre und berufliche Verpflichtungen in Frage gestellt, unter-brochen oder geschädigt werden. Die Beschäftigung mit dem Glücksspielen, der Drang dazu und das Spielen selbst neh¬men bei Streß zu. Probleme, die als Folge des Glücksspielens auftreten, führen zu einer Intensivierung des Verhaltens. Ty¬pische Probleme sind: Totale Verschuldung sowie Vernachlässi¬gung von Schulden und an-deren finanziellen Verpflichtungen, gestörte Familienverhältnisse, Unaufmerksamkeit bei der Ar¬beit und finanziell motivierte illegale Machenschaften, um Geld für das Spie-len zu beschaffen.“ Diese Definition trifft weitgehend für alle folgenschwereren Suchtformen zu.

Typisch ist der in den „DSM-III-R-Falldarstellungen“ (deutsche Ausgabe 1991) exemp-larisch, quasi lehrbuchhaft dargestellte Fall eines glücksspielsüchtigen Juristen (Rechtsanwaltes), der durch seine Sucht delinquent wurde, indem er Klienten-Gelder veruntreute, um weiterspielen zu können.

In der neuen Version, dem DSM-IV (deutsche Ausgabe 1996) werden 10 typische Merkmale genannt.

Das andere – international verbindliche – psychiatrische Diagnosenverzeichnis mit Be-schrei¬bung der jeweiligen typischen Sym¬ptome ist die ICD-10, die „Internationale Klassifikation psy¬chischer Störungen“, die im Auftrage der Weltgesundheitsorga¬nisation von Expertenkommis¬sionen erarbeitet und von der WHO 1990 verabschiedet wurde.

Der derzeitige offizielle Terminus für diese psychische Stö¬rung ist „Pathologisches Glücksspielen“. Manche sprechen auch vom „Pathologischen Spielen“, was allerdings mißver¬ständlich ist, da es nicht um das Spielen an sich, also das Spielen der Kinder oder das kreative Spielen des homo ludens geht, son¬dern nur um Glücksspielen, wobei nicht einmal alle Glücks¬spiele, sondern nur einige ein hohes Suchtpotential haben, also stark suchterzeugend und damit problematisch sind.

Das ei¬gentliche Wesen der Sucht, nämlich die psychische Abhängigkeit, d. h. süchtige Bindung an ein Suchtmittel, und das suchttypische Kontrollverlustphäno¬men lassen sich bei Glücksspielsüchtigen wesentlich klarer erkennen, weil hier die substanzspezifischen toxischen Überlagerungen fehlen.

Wenn die wesentlichen Symptome einer Störung mit denen einer anderen identisch sind, also die der Glücksspielsucht und die der Substanzabhängigkeit, handelt es sich um eine Krankheitseinheit („nosologische Entität“).

Sowohl für die Prävention als auch für die Therapie ist es wesentlich, festzuhalten, daß Pathologisches Glücksspielen eine Sucht ist. Die Frage „Sucht oder Neurose?“ ist eine Pseudofrage; durch die ICD-10 ist der Terminus Neurose obsolet. Sucht hat viel Ähn-lichkeit mit Zwang, jedoch vor allem in Prävention und Therapie unterscheiden sich diese beiden psychischen Störungen erheblich.

Glücksspielsucht ist eine psychische Störung von Krankheitswert
Laien tendieren dazu, Glücksspielsucht als eine harmlose „Leidenschaft“ anzusehen, etwa nach dem Motto: „Da ist ein Kind im Manne, das will spielen.“ Eine Suchtform muß tatsächlich nicht unbedingt ein schweres Krankheits¬bild darstellen. Beispielsweise können Nikotinsüchtige jahrzehnte- oder sogar lebenslang kaum gestört mit ihrer Sucht leben, weil die Fol¬geschäden einer Nikotinsucht erst sehr spät, erst nach vielen Jahrzehnten und auch dann fast nur im körperlichen, kaum im psychi¬schen oder sozi-alen Bereich auf¬treten. Auch bei einer durch Methadonsubstitution kompensierten Opioidsucht sind die Folgeschäden relativ gering. Mit manchen Suchtformen wie Niko-tinabhängigkeit kann man also viele Jahre ohne nennenswerte psychische, körperliche oder soziale Schäden leben, nicht jedoch mit einer Glücksspielsucht. Bei einer Glücksspielsucht handelt es sich in der Regel um eine destruktive Suchtform mit gra-vierenden psychischen und sozialen Schäden für die Betroffenen und ihre Angehörigen. Nicht nur das Suchtpotential der bestimmten Glücksspiele ist hoch, sondern auch ihr Schadenspotential.

Folgende Befunde aus verschiedenen Untersuchungen weisen hin auf die Schwere dieser Suchtform bzw. darauf, daß eine Glücksspielsucht durch die typische Ver-schuldung und die anderen psychosozialen Folgeschäden eine schwere psychische Belastung und damit eine gesundheitliche Beeinträchtigung von Krankheitswert darstellt:

Als Folge des pathologi¬schen Glücksspielens sei bei 31 – 58% die Part¬nerschaft aus-einanderge¬gangen. 23 – 46% hätten ihren Arbeitsplatz durch ihre Glücks¬spielsucht verlo¬ren. 14 – 42% hätten we¬gen ihrer Miet¬schulden etc. ihre Woh¬nung aufgeben müssen. Bis zu 42% hätten höhere Spielschulden als sie inner¬halb eines halben Jahres einnehmen würden. – Es dürfte leicht nachzuvollzie¬hen sein, welche psychischen Auswirkungen für die Betroffenen (und ihre Angehörigen) diese  ihre sozialen Folge-schä¬den haben.

Vor allem die Suizidalität der süchtigen Glücksspieler kann als ein Indikator für die Schwere dieser Suchtform und ihren Krankheits¬wert angesehen werden: 58 – 68% der süchtigen Glücksspieler, die hilfesuchend in die ambulanten oder stationären psycho-sozialen Institutionen kommen, ist zu diesem Zeitpunkt suizidal. 15 – 32% hatten bereits einen Suizidversuch unternommen. Im bereits erwähnten Psychiatrie-Lehrbuch von Tölle wird darauf hingewiesen, daß ca. 15% der Casino-Glücksspieler sich suizidieren.

Glücksspielsucht ist eine eigenständige psychische Störung, nicht nur Symptom
Verbreitet besteht das Dogma, Sucht sei lediglich ein Symptom einer anderen psychi-schen Störung. Es müsse diese andere, die angebliche Grundstörung behandelt wer-den, dann schwinde auch das Symptom. Das sei eine kausale Therapie. Diese naive Vorstellung widerspricht den Erkenntnissen, die auf klinischen Erfahrungen basieren. Ohne Zweifel ist es zutreffend, daß der Zahnschmerz als Symptom einer Karies durch eine kausale Behandlung des Zahnes schwindet. Bei vielen Krankheiten sind ihre Ursachen für die Therapie nebensächlich, z. B. ob die Ursache einer Unterschenkel-fraktur ein Sturz beim Skilaufen oder ein Motorradunfall ist.

Hinzu kommt noch, daß die verschiedenen psychotherapeutischen Schulen ganz ver-schiedene Vorstellungen von der angeblichen Ursache einer Suchtkrankheit haben. Verbreitet ist das Dogma, daß nur Menschen mit primären psychischen Defiziten, die hauptsächlich seit der frühsten Kindheit bestehen würden, süchtig werden könnten. Oft ist dieses alte Dogma, das nicht auf Erfahrungen  basiert, immer noch unterschwellig wirksam.

Hypothesen sind in der therapeutischen Arbeit wichtig; doch dürfen sie nicht den em-pirischen Fakten widersprechen, sonst handelt es sich um Dogmen.

In der Praxis kommt es immer wieder vor, daß Suchtkranke zunächst lange Zeit zum Psychotherapeuten gehen, ihr Suchtmittel jedoch weiter konsumieren. Es ist eine Er-fahrungstatsache, daß eine Sucht eine eigenständige psychische Störung darstellt und nur eine gezielte Suchttherapie wirksam ist. Nur selten ist Sucht Folge einer anderen eigenständigen psychischen Störung, bspw. einer Schizophrenie; dann ist eine Suchttherapie weniger geeignet.

Zu bedenken ist: Psychologie und vor allem Psychiatrie einschließlich Psychotherapie stehen noch ganz am Anfang. Über den Weltraum wissen wir mehr als über die menschliche Seele. Wir sind da noch längst nicht so weit wie Sokrates, der bekanntlich sagte: „Ich weiß, daß ich nichts weiß.“ Die derzeitige Psychotherapie ist noch zum Teil auf einem vorwissenschaftlichen Niveau; sie hat bei weitem noch nicht das wis-senschaftliche Niveau der somatischen Therapie, bspw. der medikamentösen Be-handlung erreicht; damit verglichen, befindet sie sich noch fast auf einem mittelalterli-chen Niveau, auf der Niveau der Kräutermedizin. Da ist es vielleicht verständlich, daß verführerische Dogmen Anklang finden. Psychiatrie ist eine Erfahrungswissenschaft. Ihr stehen nur die aus klinischen Erfahrungen basierenden Erkenntnisse zur Verfügung.

Bis etwa zur Mitte unseres Jahrhunderts war v. a. unter Psychiatern das Vorurteil ver-brei¬tet, alle Süchtigen seien primär Psychopathen, es würden also nur Psychopathen süchtig. Bspw. wurde in einem Psychiatrielehrbuch, das noch in den 50er Jahren ver-breitet war, apodiktisch festgestellt, daß Alkoholiker und die anderen Süchtigen gebo-rene Psychopathen seien. Es kam dadurch zu einer Etikettierung und Diskriminierung von Süchtigen, wodurch der therapeutische Nihilismus verstärkt wurde. Dieses Vorurteil konnte von etwa 1960 an einigermaßen erfolgreich zurückgedrängt wer¬den, zumal es sich nicht nur antitherapeutisch auswirkte („das sind hoffnungslose Fälle!“), sondern auch antipräventiv („ich bin selbstverständlich kein Psychopath, also kann ich nicht süchtig werden, also kann ich ruhig Suchtmittel wie Heroin konsumieren, mir passiert schon nichts“).

Die Vorstellung, nur abnorme Menschen könnten süchtig werden, entspricht nicht den tatsächlichen Erfahrungen. Jeder Mensch, der ein Suchtmittel konsumiert, kann durch diesen Konsum süchtig werden. Beispielsweise ist durch die derzeit bei jungen Men-schen verbreitete hohe Verfügbarkeit von Heroin und durch ihre hohe Konsumbereit-schaft die Zahl der Heroinsüchtigen in Westdeutschland massiv angestiegen. Es ist typisch für Suchtmittel, daß ein Teil der Konsumenten süchtig wird und die Konsum-kontrolle verliert.

Doch nach neueren Untersuchungen ver¬schiedener junger Wissenschaftler sind Per-sönlichkeits¬störungen (dies ist der neuere Termi¬nus für Psychopathie) bei süchtig ge-wordenen Menschen angeblich relativ häufig bzw. werden (zumindest nach meiner Auffassung) jetzt von den Wissenschaftlern viel zu häufig diagnostiziert. Es ist schon sehr bemerkenswert, mit welcher Leichtfertigkeit Suchtkranken auch noch die Diag-nose einer Persönlichkeitsstörung angehängt wird, was sie noch zusätzlich belastet. Wenn man die Definitionen einer Persönlichkeitsstörung in der ICD-10 nachliest, wird einem deutlich, daß es sich hier um wirklich schwere Normabweichungen handelt, die bereits in der Kindheit oder der Adoleszenz beginnen. Durch den psychopathologischen Querschnittsbefund oder einen psychologischen Test kann man lediglich den Verdacht auf eine Persönlichkeitsstörung äußern; belegen kann man diese Diagnose nur durch eine die Kindheit und Adoleszenz umfassende sorgfältige Anamnese, und das kostet viel Mühe. Auch Fiedler schrieb 1994 in seiner umfangreichen Monographie über Persönlichkeitsstörungen am Schluß: „Aus all dem bis hier Niedergeschriebenen ergibt sich zwingend die Notwendigkeit zu extremer Vorsicht und Behutsamkeit, wenn man mit „Persönlichkeitsstörungen“ als diagnostische und therapeutische Orientierung arbeitet.“ Die ne¬gativen Erfahrungen der äl¬teren Psychiatrie (Abstemplung, Diskrimi-nierung) sind offen¬bar in Vergessenheit geraten. In der Psychiatrie wird jetzt besonders auf eine sog. Komorbidität geachtet (ein neues Wort für eine alte Erkenntnis), wobei die sog. Persönlichkeitsstörungen von Suchtkranken in den Vordergrund gestellt werden.

Prinzipiell kann nach klinischen Erfahrungen – um es nochmals zu betonen – praktisch jeder Mensch süchtig werden, der das Risiko eingeht, ein (potentielles) Suchtmittel zu konsumieren (insbesondere eines mit erfahrungsgemäß hohem Suchtpotential wie Heroin oder die Glücksspiele Roulette oder Spielhallenautomat); aus verschiedenen Grün¬den kann sich nach dem Beginn eines Suchtmittelkonsums eine enorme Eigen-dynamik entwickeln, die mehr oder minder unaus¬weichlich zu einer Sucht führt, auch bei primär psychisch und psychosozial völlig „gesunden“ Menschen. Ein Beispiel hierfür ist die Nikotinsucht.

Doch das alte Dogma, Sucht sei lediglich Symptom einer Persönlichkeitsstörung, hält sich hartnäckig, Glücksspielsüchtige leiden in besonderem Maße darunter:

Denn dieses Dogma ist der Grund dafür, daß die Krankenkassen eine stationäre Suchttherapie für suchtkrank gewordene Glücksspieler nicht bezahlen wollen. Sie beziehen sich nämlich auf eine grundsätzliche Stellungnahme des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen von 1990. In dieser Stellungnahme wird die Auffassung vertreten, daß Pathologisches Glücksspielen lediglich Symptom einer tiefgreifenden Persönlichkeitsstörung des Spielers sei. Es komme also nur eine Psychotherapie in Frage. Eine Therapie nach dem Suchtmodell hingegen sei keine zielgerichtete Behandlung und könne deshalb nicht von den Krankenkassen finanziert werden. Ohnehin reiche in der Regel eine ambulante Psychotherapie aus.

Tatsache ist bekanntlich, daß die finanziellen Mittel für den Gesundheitsdienst derzeit außerordentlich knapp sind. Bei dem Verteilungskampf um diese knappen Mittel sind die Schwächsten in Gefahr, benachteiligt zu werden. Die verschiedenen Psychothe-rapieschulen haben ein gutes Image in der Bevölkerung; es gibt eine Inflation an Psy-chotherapeuten, die selbstverständlich auf dem Psycho-Markt ihre gute Position ver-teidigen wollen. Dies wäre ja in Ordnung, wenn es nicht zu Lasten von Kranken gehen würde. Die praktischen Erfahrungen sollten ausschlaggebend sein, und diese haben immer wieder gezeigt, daß bei einer Suchtkrankheit die Suchttherapie die mit Abstand beste Therapie ist und daß psychoanalytisch orientierte Psychotherapie bei einer Suchtkrankheit keine zielgerichtete Behandlung ist.

Übrigens ist auch eine Suchttherapie selbstverständlich eine Psychotherapie; wie jede gute Psychotherapie bezieht sie die psychosozialen Aspekte ein. Die Suchttherapie bezieht auch psychoanalytische und verhaltenstherapeutische Aspekte ein, wenn sie sich in der Praxis bewährt haben. In der Praxis hat sich gezeigt, daß für einen sucht-krank gewordenen Glücksspieler die gemeinsame stationäre Suchttherapie mit Alko-holkranken am wirksamsten ist. Wenn für einen suchtkrank gewordenen Glücksspieler eine stationäre Krisenintervention notwendig wird, hat sich die Aufnahme auf einer Station für den Qualifizierten Alkohol-Entzug für etwa drei Wochen sehr bewährt. Hin-gegen erfolgt die ambulante Beratung und Therapie für problematische und sucht-kranke Glücksspieler am sinnvollsten in speziellen Beratungsstellen, wie sie musterhaft in NRW aufgebaut worden sind. Am wichtigsten für alle Glücksspieler ist die mehrjährige Teilnahme an Glücksspieler-Selbsthilfegruppen.

Suchtkrank werden können auch psychisch und sozial völlig gesunde Menschen, wenn es die überhaupt gibt. Oft jedoch haben Menschen, die suchtkrank geworden sind, zu Beginn ihres Sucht belastende Lebensprobleme gehabt, bspw. Probleme in der Part-nerschaft oder am Arbeitsplatz. Auch zeigen die klinischen Erfahrungen, daß Menschen, die in ihrer Kindheit und Jugendzeit schlechte psychische und soziale Le-bens- und Entwicklungsbedingungen hatten, erhöht gefährdet sind, in eine Sucht-krankheit zu geraten.

Die biographisch bedingten psychischen Traumatisierungen und psychosozialen Be-lastungen in Kindheit und Jugend wurden als Ursachen der psychischen Fehlentwick-lung eines Patienten früher in der Psychiatrie wesentlich mehr beachtet als in den letz-ten Jahren. Jetzt ist anscheinend wieder eine Wende in dieser Hinsicht möglich: Im Heft September 1997 der führenden psychiatrischen Fachzeitschrift „Nervenarzt“ veröffentlichten Egle et al. eine Arbeit mit dem Titel „ Psychosoziale Risiko- und Schutzfaktoren in Kindheit und Jugend als Prädisposition für psychische Störungen im Erwachsenenalter“. Ein kurzes Zitat: „Die erfaßbaren Umstände schwerer bzw. traumatischer Belastungen für die kindliche Entwicklung werden heute meist als Indi-katoren für ein erhöhtes Risiko, sofort oder im späteren Leben psychisch oder psy-chosomatisch zu erkranken, aufgefaßt – man spricht von Risikofaktoren.“

In der Suchttherapie ist man immer wieder überrascht darüber, daß selbst 50 oder 60 Jahre alte Patienten plötzlich über verwundende Erlebnisse ihrer Kindheit oder Ju-gendzeit berichten, als seien diese vor wenigen Tagen geschehen. Offensichtlich schmerzen die jahrzehntealten psychischen Wunden immer noch, sie sind noch immer nicht verheilt. Es ist auch eine klinische Erfahrung, die sich immer wieder bestätigt hat, daß Menschen mit solchen psychosozialen Risikofaktoren (und einem Mangel an Schutzfaktoren in Kindheit und Jugend) wesentlich erhöht gefährdet sind, durch Kon-sum von Alkohol, Opioiden, Glücksspielen etc. in eine Suchtkrankheit zu geraten. (Allerdings trifft die Annahme im Umkehrschluß erfahrungsgemäß nicht zu, daß Men-schen ohne solche Risikofaktoren diese Drogen ohne das Risiko einer Suchtkrankheit konsumieren könnten.) Für diese massive Labilisierung durch die alten psychischen Wunden gibt es keine diagnostische Bezeichnung. Früher wurde in solchen Fällen am ehesten die Diagnose „Neurotische Depression“ gestellt; der neue Terminus Dysthymia ist hierfür m. E. weniger geeignet.

Oft entsteht also eine Sucht, so auch eine Glücksspiel¬sucht, auf dem Boden von pri-mären psychischen Problemen. Primäre psychische Probleme und Eigendynamik sind die beiden wichtigsten Antriebsmotoren für die Suchtentwicklung. Andererseits ist eine Sucht vom Betroffenen oft um so schwerer zu bewälti¬gen, je stärker er unter psychi-schen Problemen leidet. Viele süchtige Glücksspieler hatten dementsprechend bereits vor der Entwick¬lung ihrer Sucht psychische Probleme. In der Praxis der Suchtarbeit wird bei süchtigen Glücksspielern wie bei Alkoholkranken, Drogenabhängigen und anderen Suchtkranken deutlich, daß der Entwicklung einer Suchtkrankheit oft – individuell mehr oder minder ausgeprägt – eine psychische Problematik zugrunde liegt. Diese – meist alltäglichen – Lebensprobleme führen im Initialstadium einer süchtigen Fehlentwicklung dazu, daß potentielle Suchtmittel wie Alkohol oder Glücksspiel als „Fluchtmittel“, später als Betäubungsmittel eingesetzt werden und tatsächlich anfangs den gewünschten Effekt haben, die drückenden Lebensprobleme vergessen zu können. Glücksspiel an den Spielhallenautomaten stellt für einen Menschen mit be-lastenden Lebensproblemen eine – für den Moment wirksame, jedoch langfristig ge-sehen dysfunktionale – Selbstbehandlung von emotionalen Belastungen dar.

Meinungen von uninformierten Laien und Vorurteile
In der Öffentlichkeit herr¬schende Vorurteile gegenüber glücksspielsüchtig und von an-deren Suchtmitteln abhängig gewordenen Menschen sind oft recht hartnäckig. Ein Beispiel dafür ist die Alkoholabhängigkeit, die bereits 1968 höchstrichterlich als Krankheit definiert wurde und dennoch in der Öffentlichkeit immer noch verbreitet als moralisches Versagen aufgefaßt wird. Der den süchtig gewordenen Menschen be-herrschende innere Zwang zum Konsum seines Suchtmittels, das er gegen jede ver-nünftige Erwägung und trotz aller schon erlittenen und/oder der eindeutig drohenden negativen Konsequenzen weiterhin konsumieren muß, ist erfahrungsgemäß für den Menschen, der nicht selbst betroffen ist, nur sehr beschränkt einfühlbar. So tendiert der Laie dazu, süchtiges Glücksspielen und anderes süchtiges Verhalten als amoralisch und vorwerfbar aufzufassen, als einen frei gewählten lasterhaften Lebensstil, den der Betroffene einfach aufgeben solle (was der Laie – von sich auf den Betroffenen schließend – für leicht hält). Für einen süchtig gewordenen Glücksspieler war das Glücksspielen nur anfangs ein „freigewählter Lebensstil“.

Dieser sog. Lebensstil wird eigenartigerweise von staatlicher Seite her sogar noch gefördert: Trotz der schon im vorigen Jahrhundert gewonnenen Erfahrungen werden immer mehr Spielcasinos und Automaten-Dependencen zugelassen: Bekanntlich pla-nen mehrere Bundesländer die Einrichtung weiterer Spielcasinos und Automatendependencen, wegen der (scheinbaren) Einnahmen für die Staatskassen. – In den früheren Ostblockstaaten waren bis zur „Wende“ Spielcasinos verboten, jetzt werden immer mehr eingerichtet.

Es ist erfahrungsgemäß außerordentlich schwierig, uninformierten Laien psychopa-thologische Phänomene wie Wahn, Angst, Zwang, Depression und vor allem Sucht verständlich zu machen. Vor allem ist es oft nur sehr beschränkt möglich, einem Au-ßenstehenden die Irrationalität und Zwangshaftigkeit süchtigen Verhaltens, speziell des Verhaltens eines süchtigen Glücksspielers, nachvollziehbar oder wenigstens als Erfahrungstatsache akzeptabel darzustellen. Da es menschlich ist, von seinen eigenen psychischen Möglichkeiten auf die des anderen zu schließen, glaubt jeder zunächst, ein psychisch Kranker könne seine Symptomatik unterlassen, sei also zum Beispiel noch fähig, sich rational zu steuern und den Suchtmittelkonsum vernunftgemäß einfach einzustellen. Dies führt dazu, daß mit psychopathologischen Phänomenen zusammen-hängende Fakten oft nicht geglaubt werden, wenn man sie nicht als Betroffener oder Mitbetroffener selbst erlebt hat.

Die Betroffenen und ihre Familien sind die besten Experten für Sucht. Sie wissen noch besser als die Suchtberater und Suchttherapeuten, was Sucht bedeutet. Vor einigen Wochen war ein Richter mit seiner Frau bei mir; er war verzweifelt über die Glücks-spielsucht seines Sohnes und deren Folgen, mehrmals verlor er bei seinem Bericht die Fassung und fing zu weinen an. Durch sein Leiden weiß dieser Richter, was Sucht, in diesem Falle Glücksspielsucht, bedeutet. Die meisten Richter und anderen Menschen, die für die Betroffenen oft weitreichende Entscheidung treffen, wissen es jedoch nicht, was kein Vorwurf sein soll. Wenn jemand nicht glauben mag, daß Glücksspielsucht ein schweres Leiden bedeutet, sollte er den Betroffenen und vor allem ihren Angehörigen zuhören.

Desinformationsstrategie der Lobby der Glücksspielwirtschaft
Die Desinformationsstrategie der Lobby der Glücksspielwirtschaft hat einen sehr gro-ßen Einfluß auf die Öffentliche Meinung. Auch bei den legalen Suchtmitteln Alkohol und Nikotin sind die geschickten Meinungsbeeinflussungs-Taktiken der Profiteure und ihrer Lobbyisten sehr wirksam. Ihr Einfluß auf die Politiker ist groß, zumal derzeit die wirtschafts- und finanzpolitischen Aspekte wesentlich mehr beachtet werden als die gesundheits- und sozialpolitischen. Einflußreiche Interessengruppen verhindern zu-nehmend, daß Glücksspielsucht in der Öffentlichen Meinung als eine ernsthafte psy-chische Störung anerkannt wird. Dies wirkt sich selbstverständlich auch auf Entschei-dungsträger wie Regierungsmitglieder, Richter, Krankenkassen-Chefs usw. aus.

Die klinisch erwiesene Tatsache, daß Menschen durch Glücksspiele wie Roulette oder Spielhallengeldautomaten süchtig, also psychisch krank werden mitsamt negativen Konsequenzen für die Betroffenen und ihre Angehörigen wie Verschuldung und Kri-minalität, wurden und werden von den Interessenverbänden der Automatenindustrie und denen der Spielcasinos aus naheliegen¬den Gründen durch intensive Desinforma-tionsmaßnahmen mit erheblichem Aufwand vernebelt und bagatel¬lisiert. Es wird von dieser Seite her sogar die Existenz des Krankheitsbildes Glücksspiel-sucht/Pathologisches Glücksspielen i. S. von ICD-10 und DSM-III-R/IV bestritten. Da-durch wurde die öffentliche Meinung stark beeinflußt; die empirischen Fakten, die den (z.B. durch eigene Betroffenheit) Informierten und den wenigen Spezialisten bekannt sind, werden dadurch in der Öffentlichkeit meist als unzutreffend angesehen, zum Nachteil für die Betroffenen. Beispielsweise war – wie schon erwähnt – es zu Anfang der 80er Jahre kein Problem, von den zuständigen Krankenkassen bzw. Rentenversi-cherungen die Übernahme der Kosten für die stationäre Therapie für einen süchtigen Glücksspieler wie für einen Alkoholiker zu erhalten. Dann verbreitete die Glücksspiel-wirtschaft die Botschaft, „der Automat macht nicht süchtig, das ist wissenschaftlich bewiesen“. Daraufhin wurde die Kostenregelung zumindest in Hamburg immer schwieriger, gegenwärtig ist sie kaum mehr möglich.

Interessierte Kreise verbreiten die Auffassung, der freie Bürger müsse selbst bestim-men können, welche Lebensgenüsse (bzw. potentiellen Suchtmittel) er konsumiere. Wer durch Konsum von potentiellen Suchtmitteln wie Glücksspielen süchtig werde, sei eben von vornherein abnorm. Wenn sich – bei einem mehr oder minder großen Anteil der Konsumenten des jeweiligen Suchtmittels – eine Sucht entwickelt hat, ist der weitere Suchtmittelkonsum trotz negativer Folgen zwangsartig, tatsächlich unfrei bzw. pa-thologisch. Es ist ganz einfach eine immer wieder bestätigte Erfahrungstatsache, daß ein nicht geringer Teil der „freien, mündigen Bürger“ durch Konsum von Suchtmitteln in eine Suchtmittel-Abhängigkeit gerät; man weiß noch kaum, wer primär erhöht gefährdet ist und wer weniger. Suchtmittel sind dadurch gekennzeichnet, daß bei ihnen die Konsumkontrolle verloren gehen und praktisch jeder Mensch von ihnen abhängig werden kann, mit entsprechenden Konsequenzen für sich und andere.

Im Jahrbuch Sucht 97 der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren wird die Gesamtzahl der beratungs- und behandlungsbedürftigen Glücksspieler in Deutschland auf rund 100.000 geschätzt (zum Vergleich: die Zahl der Drogenabhängigen in der BRD wird auf 120.000 geschätzt, die der Alkoholkranken auf 2.500.000).

Da die Glücksspielsucht – nach Alkohol- und Drogenabhängigkeit – in Deutschland seit ca. 12-15 Jahren das drittgrößte – in den sog. neuen Bundesländern sogar das zweit-größte! – Suchtproblem darstellt, wäre zu erwarten, daß der Informationsstand über Glücksspielsucht (bzw. Pathologisches Glücksspielen) in der Fach-Öffentlichkeit adä-quat ist. Doch ist eher das Gegenteil der Fall durch die – auf die öffentliche Meinung sehr wirksame – Bagatellisierungsstrategie, die von wirtschaftlich interessierten Kreisen, von den Profiteuren und ihren Lobbyisten intensiv betrieben wird.

Glücksspiele seien harmlose Unterhaltungsspiele, sagt die Glücksspielwirtschaft. An-gesichts der Tatsache, daß etwa 100.000 Menschen in Deutschland durch das Spielen der Glücksspiele in den Spielcasinos und vor allem an den Glücksspiel-Automaten in den Spielhallen, in eine Sucht und etwa die Hälfte von ihnen dadurch dann in eine Be-schaffungskriminalität geraten sind – was für die Betroffenen und ihre Angehörigen schwere psychische und soziale Folgeschäden bedeutet – ist es schwer verständlich, daß die bewußte Täuschung der Spieler durch die psychologisch geschickt konstruier-ten Glücksspiele trotz der schweren Konsequenzen für die Spieler und letztlich für die Allgemeinheit von staatlicher Seite sogar noch gefördert werden. Bspw. wurde zusätz-lich zu dem ohnehin im Hamburger Raum schon reichlichen Angebot an Spielcasinos und Casino-Dependencen vor einem Jahr ein weiteres Casino am Stadtrand eröffnet, das floriert. Weitere sollen noch folgen; bspw.soll auf einem Elbschiff ein weiteres Casino eingerichtet werden.

Sucht-Prävention ist notwendig
Für die meisten Produkte, bspw. Geräte gibt es einen Verbraucherschutz bzw. eine Produzenten-Haftung, nicht jedoch für die „legalen“ Suchtmittel wie Alkohol und Glücksspielen mit hohem Suchtpotential. (Bspw. werden viele Tierversuche unter-nommen, um eine Allergie-Gefahr durch kosmetische Cremes zu vermeiden.) Seit dem 1.8.97 gibt es ein Produktsicherheitsgesetz, nach dem „Hersteller und Händler dem Verbraucher nur sichere Produkte zur privaten Nutzung überlassen“ dürfen. Sucht ist ein Gesundheitsschaden. Üblicherweise werden für Schäden die Verursacher haftbar gemacht, nicht jedoch für die Schäden durch Alkohol und Glücksspiel, obwohl diese Schäden oft schwer sind..

Aus diesen Gründen müssen zur Schadensminderung („harm reduction“) Suchtmittel mit nicht geringem Sucht- und/oder Schadens-Potential in ihrer Verfügbarkeit – soweit realisierbar – möglichst weitgehend eingeschränkt und kontrolliert werden, besonders die mit hohem Sucht- und/oder Schadens-Potential. Die Casino- und die Spielhallen-Glücksspiele wie Roulette und die Glücksspielautomaten sind das „Heroin“ unter den Glücksspielen; sie haben ein höheres Suchtpotential und ein höheres Schadenspotential als bspw. Cannabis. (Bei Alkohol und z. Z. bei den illegalisierten Drogen ist eine Verfügbarkeits-Einschränkung wegen der „liberalen“ Wirtschaftspolitik nur begrenzt möglich. Doch war früher, bei anderen Marktverhältnissen, eine wirksame Kontrolle z.B. durch Prohibition bzw. durch das BtMG möglich; auch gibt es durchaus wirksame Instrumente zur Einschränkung der Alkoholverfügbarkeit, die allerdings in Deutschland leider kaum genutzt werden, aus wirtschaftspolitischen Gründen und wegen des Lobbyismus).

Die Erfahrungen der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts haben gezeigt, daß eine sehr wirksame Prävention durch radikale Verfügbarkeitseinschränkung der Glücksspiele mit hohem Sucht- und Schadenspotential möglich ist und daß auf diese Weise vermieden werden kann, daß Bürger in eine Glücksspielsucht geraten und dadurch u.a. kriminell werden. Es gibt genügend andere riskante Freizeitvergnügen, deren Schadenspotential relativ gering ist.

In der islamischen Welt ist diese Präventionsmaßnahme sogar noch älter: Schon Mo-hammed (570-632) warnte, daß Wein und Glücksspiel „Greuel von Satans Werk“ seien. Bekanntlich sind religiöse Verbote oft ursprünglich durch negative Erfahrungen entstan-den.

Wegen der früher sehr wirksamen Glücksspiel-Prohibition trat bis Anfang der 80er Jahre unseres Jahrhunderts Glücksspielsucht in Deutschland nur selten auf (und war dadurch fast nur Experten bekannt), weil keine bzw. ab 1933 nur im beschränkten Ausmaß Glücksspiele mit hohem Suchtpotential zugelassen und damit verfügbar wa-ren. (Das illegale Glücksspiel war früher gut kontrollierbar und floriert erst jetzt, stimuliert durch die zunehmende Eröffnung von Spielbanken.)

Unter den stationär behandlungsbedürfti¬gen Suchtformen ist – nach der Heroinsucht  und der Alkohol¬sucht – die Glücksspiel¬sucht in Deutschland zur Zeit die dritthäufigste. Zumindest im Bereich der Hamburger stationären Suchttherapie ist die Glücksspiel-sucht wesentlich häufiger als die Medika¬mentenabhängigkeit, die Kokainabhängigkeit oder gar die Haschischsucht. Verglichen mit dem staatlichen Aufwand zur Prävention einer Haschischsucht (durch Prohibition) scheint es derzeit von den Verantwortlichen wegen der hohen Einnahmen für die Staatskasse billigend in Kauf genommen zu werden, daß Bürger in eine Glücksspielsucht und dadurch in die Delinquenz geraten.

Als in Deutschland ab 1950 wieder Spielcasinos zugelassen wurden, war ganz offen-sichtlich der Schutzgedanke gegenüber dem Kunden/Casinospieler wesentlich prä-senter als jetzt; offenbar waren die Erfahrungen des 19. Jahrhunderts noch nicht ver-gessen. Deshalb hatten anfangs die Casinos Auflagen, um den Schaden zu vermin-dern. Heute jedoch sind anscheinend die Casinos hauptsächlich bedacht, dem Glücksspieler möglichst viel Geld abzunehmen. Am bedenklichsten: eine staatliche Kontrolle der Casinos findet allem Anschein nach kaum mehr statt.

Informativ erscheint mir in diesem Zusammenhang ein älteres Buch mit dem Titel „Das Buch der Glücksspiele“ (Kraus 1952). Es berichtet zwar hauptsächlich über die positi-ven, reizvollen Aspekte der Glücksspiele, vergißt aber auch die negativen nicht völlig. Folgende Zitate aus diesem Buch erscheinen für diese gutachterliche Stellungnahme relevant:

„Die Spiele in den staatlich konzessionierten Spielbanken sind so konstruiert, und sie werden so genau kontrolliert, daß weder mit Roulette noch mit den (…)-Spielen Miß-brauch getrieben werden kann.“ „Die staatliche Konzession einer Spielbank ist an eine Reihe von Verpflichtungen gebunden, die dazu dienen, alle üblen Folgen des Spiels nach Menschenmöglichkeit auszuschalten. Die Spielbank ist verpflichtet, gewisse Personengruppen vom Spiel auszuschließen. (…) Ausgeschlossen sind auch alle Personen, aus deren Personalien hervorgeht, daß sie nicht über ausreichende eigene Mittel verfügen, um Verluste ohne Gefährdung ihrer Existenz zu erleiden. Zu ihnen gehören Angestellte und Beamte niedriger Gehaltsklassen, (…).“ Lohnempfänger dürften nur zuschauen, sie hätten Spielverbot. „Ausgeschlossen vom Spiel sind auch die Einwohner des Spielbankortes und seiner näheren Umgebung im Umkreis von 5 oder 10 km. Wer von ihnen die Spielbank einmal besuchen will, muß um Erlaubnis beim Bürgermeister nachsuchen, der allein entscheiden kann, ob der Besuch gestattet wird. Er wird aber nur unter ausdrücklichem Spielverbot gewährt. (…) Die Vorsicht einer gewissenhaften Spielbankleitung geht so weit, daß sie allzu häufige Besucher warnt, wenn sie durch die Höhe ihrer Verluste gefährdet erscheinen, denn sie hat kein Interesse daran, Entartungen zu dulden und ihren Gegnern Argumente in die Hand zu liefern. Spiel soll Spiel bleiben, am Roulettetisch genau so wie in der Skat-Runde. (…) Die gut geleitete Spielbank sieht also schon im eigenen Interesse darauf, jeden fern zu halten, dessen Moral, dessen Charakter oder dessen soziale Stellung die Teilnahme am Spiel verbieten. Ihre Vorsicht geht so weit, daß sie, höflich und taktvoll, einen Besucher warnt, bei dem sie beobachtet, daß er nach Verlusten anfängt, leichtfertig zu spielen und dabei in Gefahr gerät, sich wirklich zu ruinieren. Eine Spielbank schützt ihre Gäste nicht nur vor Betrug durch andere, sondern ebenso vor dem eigenen Leichtsinn…“ – Das Thema Glücksspielsucht wird in diesem Buch nur am Rande gestreift: “…die Leben und Spiel verwechseln, denen das Spiel zur Sucht wird wie anderen der Alkohol, das Morphium, das Opium.“ Erwähnt wird zudem, daß der flämische Arzt Parchasius Justus 1560 ein Buch geschrieben habe mit dem Titel: „Über das Würfelspiel oder wie die Sucht, um Geld zu spielen, geheilt werden kann.“

Aus diesem Buch erscheint noch relevant: Trotz der erheblichen Einnahmen für die Staatskasse wurden 1872 die deutschen Spielbanken per Gesetz geschlossen (die Gründe hierfür werden nicht angegeben). – Am 03.10.1933 wurde die Spielbank Baden-Baden als erste und einzige wieder eröffnet. „Die neue Reichsregierung hatte ein Gesetz erlassen, das den Geldstrom, der nach Zoppot floß, in eine andere Richtung lenken sollte.“ Nach dem 2. Weltkrieg eröffnete (1950) Baden-Baden als erste, 1952 gab es bereits neun Spielbanken in der Bundesrepublik.

Diese wichtigen Regeln zum Schutz der Kunden – die m. W. noch prinzipiell gültig sind – wurden anscheinend inzwischen „vergessen“: Mehrere Glücksspieler, die ich kennengelernt habe, hatten trotz hochgradiger Verschuldung und nicht nur als Lohn-empfänger, sondern sogar als Arbeitslose in Casinos spielen können. Von den früheren Verfügbarkeitseinschränkungen, Kontrollen und der in diesem Buch beschriebenen „Vorsicht einer gewissenhaften Spielbankleitung“ ist offenbar nur die Krawattenpflicht übriggeblieben; hierzu aus einer Casino-Reklamezeitschrift: „Das Service beginnt be-reits beim Entree. Sollten Sie Ihre Krawatte vergessen haben, hilft Ihnen die Garderobiere mit einer Leihkrawatte aus.“

Offensichtlich jedoch sind die Bundesländer derzeit nicht daran interessiert, Konsu-menten der Glücksspiele davor zu schützen, glücksspielsüchtig und dadurch u. a. auch kriminell zu werden. Eine Interessenvertretung der suchtkranken Glücksspieler und ihrer Familien gibt es noch kaum.

Vielleicht eine Erklärung für die Inaktivität der politisch Verantwortlichen: Die Steuer-Einnahmen aus Glücksspielen betrugen 1994: 6,5 Mrd. DM und 1995: 6,8 Mrd. DM (zum Vergleich die Steuer-Einnahmen durch alkoholbezogene Steuern 1994: 7,8 Mrd. DM, 1995: 7,7 Mrd. DM).

Insofern läßt sich sagen, daß sich bei einem süchtig gewordenen Glücksspieler durch den Mangel an der unabdingbar notwendigen staatlichen Prävention eine Glücks-spielsucht entwickelt hat und daß er dadurch dann Straftäter geworden ist. (Eine nicht seltene forensisch-psychiatrische Erfahrung: ein Täter kann gleichzeitig auch ein Opfer sein bzw. das Opfer ist nach der Logik der Stärkeren selbst schuld.)

Ein Mensch wird nicht süchtig geboren, sondern er wird es erst, wenn er das Risiko eingeht, Suchtmittel zu konsumieren. Die präventiven Bemühungen müssen also m. E. mehr auf das Suchtmittel-Angebot konzentriert werden. Es gibt illegalisierte Suchtmittel, gegen deren Verfügbarkeit viel getan wird, mit geringem Erfolg. (Übrigens war anfangs dass BtMG tatsächlich sehr wirksam, weil damals der Handel nicht so frei und globalisiert war und die Landesgrenzen kontrolliert wurden.) Und es gibt legale Sucht-mittel, nämlich Alkohol, Nikotin und Glücksspiel, für deren Verfügbarkeit viel getan wird, mit großem Erfolg. Das ist eine der Paradoxien unserer Welt, in der Wirtschafts- und Finanzpolitik Vorrang haben vor Gesundheits- und Sozialpolitik.

Jetzt erst gibt in den USA die mächtige Zigarettenwirtschaft zu, daß Nikotin auch einen Westernhelden süchtig machen kann. Dieses Eingeständnis erfolgt erst nach Jahrzehnten, Nikotinsucht war schon in der 30er Jahren bekannt. Erst unter gewaltigem Druck wird zugegeben, was schon längst eine Erfahrungstatsache ist: Nikotin kann süchtig machen.

Es ist also eine unheilige Allianz zwischen der Suchtmittelwirtschaft und den Wirt-schafts- und Finanzpolitikern einerseits und der traditionellen Psychiatrie und Psycho-therapie andererseits, die mit großem Aufwand die Tatsache vernebeln, daß es auch legale Suchtmittel gibt, durch deren Konsum Menschen süchtig werden können.

Alkoholabhängigkeit wird immer noch bagatellisiert, Alkoholabhängige werden immer noch diskriminiert. Die Verfügbarkeit des Suchtmittels Alkohol wird staatlich gefördert, aus wirtschafts- und finanzpolitischen Gründen. Das gleiche gilt für Nikotin und erst recht für Glücksspiel.

Die drei legalen Suchtmittel Alkohol, Nikotin und Glücksspiel haben ein höheres Suchtpotential und ein höheres Schadenspotential als bspw. Cannabis, das ohne Zweifel nicht harmlos ist. Cannabis wird verteufelt, die legalen Suchtmittel werden angepriesen, ihr Schadenspotential wird bagatellisiert

Als es noch nicht so viele Spielcasinos und noch nicht die modernen elektronischen Spielhallenautomaten gab, gab es auch nur sehr wenige suchtkranke Glücksspieler. Das Problem der Automaten-Glücksspielsucht gibt es bekanntlich erst seit etwa 15 Jahren. Obwohl der Zusammenhang eindeutig ist, behauptet die Glücksspielwirtschaft, Glücksspiele würden nicht süchtig machen, es gäbe überhaupt keine Glücksspielsucht, das sei wissenschaftlich erwiesen. Und diese Botschaft ist erwiesenermaßen leider sehr wirksam auf die öffentliche Meinung.

Realistischerweise ist es nicht durchsetzbar, die Spielhallen und Casinos zu schließen, was die beste Prävention einer Glücksspielsucht darstellt, wie es die Geschichte be-weist. Durchsetzbar ist vielleicht, daß die Verlusthöhe pro Tag limitiert wird. Noch eher durchsetzbar ist eine Abgabe aus den Glücksspielen, vergleichbar dem schon häufig geforderten Alkoholpfennig, durch die für süchtig gewordene Glücksspieler Beratung und Therapie finanziert werden. Dadurch könnten die Folgeschäden des Glücksspielens reduziert werden.

Literatur
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Veröffentlicht in Füchtenschnieder/Witt: Sehnsucht nach dem Glück, Neuland 1998, S. 87 – 109

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