Esssucht als Sucht anerkennen

Esssucht und Kaufsucht sollten in der ICD-11 als Suchtformen anerkannt werden

Im „Deutschen Ärzteblatt“ vom 22.07.2013 wurde im Artikel „Adipositas-Chirurgie – Diskussion um Chancen und Risiken“ auf eine einschneidende Fehlentwicklung hingewiesen: „Die Zahl der bariatrischen Eingriffe nimmt zu.“

Bei extremer Adipositas bzw. Esssucht sind jetzt zunehmend die Chirurgen mit radikalen Operationen („Bariatrie“) die Therapeuten. Pathologisches Essverhalten ist aber doch eigentlich kein chirurgisches, sondern ein psychisches Problem. Wenn Esssucht als Sucht, d. h. als psychische Störung anerkannt werden würde, könnten die Suchttherapeuten durch Frühintervention etc. oft mit weit weniger brutalen Methoden zu helfen versuchen, zumal manche Patienten sich nach der bariatrischen Operation suizidiert haben.

Dr. Bert Kellermann

Dr. Bert Kellermann

Es gibt zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema Esssucht. Bei PubMed erscheinen beim Stichwort „food addicition“ über 1400 Hinweise. Nur einige Beispiele: 2005 wies die prominente US-Suchtforscherin Nora Volkow in ihrem Artikel „How can drug addiction help us understand obesity?“ auf zahlreiche Parallelen von Drogenabhängigkeit und Adipositas hin. 2008 referierte die Charité-Psychologin Jana Wrase ein Ergebnis neurobiologischer Forschung, nach dem das Suchtpotenzial von Essen etwa halb so hoch ist wie das von Sex und immerhin etwa ein Sechstel des Suchtpotenzials von Morphin beträgt. 2009 schrieben Kiefer & Grosshans von der Klinik für abhängiges Verhalten und Suchtmedizin in Mannheim in der Zeitschrift Der Nervenarzt: „Nahrungsaufnahme ist nicht allein durch ein intrisisches, der Energiehomöostase dienendes Hungergefühl induzierbar, sondern auch vermittelt durch neuronale Prozesse, die durch die belohnenden, respektive positiv verstärkenden Eigenschaften von Nahrungsmitteln beeinflusst werden. (…)“ Bereits in dem dünnen Bändchen der ICD-8 (1971) findet sich unter Nr. 306.5 eine Freßsucht.

Das ICD-10-Abhängigkeitssyndrom gibt es bekanntlich ausschließlich unter den Störungen durch Substanzkonsum. Dies ist das Denken der Prohibition bzw. des „war on drugs“, das sich bisher nicht sonderlich bewährt hat: die derzeitige Sucht-Epidemie besteht seit jetzt schon 50 Jahren und breitet sich anscheinend eher noch weiter aus. Vor der ICD-10 war den Suchttherapeuten durchaus bekannt, dass es nicht ausschließlich substanzgebundene Suchtformen gibt. Bspw. der Psychiatrie-Professor Feuerlein, damals in Deutschland der anerkannteste Suchtexperte schrieb 1975: „Es gibt auch süchtiges Verhalten ohne Drogenkonsum, z. B. Spielsucht …“ Damals galt bei den Sucht-Experten die Psychische Abhängigkeit als die eigentliche Sucht; sie besteht bei allen Suchtformen egal ob substanzgebunden oder nicht, sie klingt im Kontrast zu den körperlichen Abhängigkeit nicht nach wenigen Wochen ab, sondern besteht jahrzehntelang, verursacht häufig Rückfälle und stellt das eigentliche suchttherapeutische Problem dar. Auch in der epochalen Psychiatrie-Enquête von 1975 heißt es: „ … ist mit Abhängigkeit vornehmlich psychische Abhängigkeit gemeint. (…) Je nach Art der mißbrauchten Drogen kann zur psychischen Abhängigkeit eine körperliche Abhängigkeit hinzukommen.“

Aus der Hamburger suchttherapeutischen Praxis entstanden die beiden angefügten Veröffentlichungen im „Hamburger Ärzteblatt“ über Esssucht und Kaufsucht. Diese beiden Suchtformen („Konsumsucht“) traten vor der ICD-10 wesentlich seltener auf als heute.

Der Festlegung im Eckpunktepapier der DGPPN vom 27.02.2013, “Exzessives Verhalten, aber keine Verhaltenssüchte – Pathologisches Kaufen, Exzessives Sexualverhalten und Exzessives Essverhalten (…). Für eine neue Zuordnung als Verhaltenssüchte scheint die Datenlage jedoch nicht ausreichend“ entspricht nicht den suchttherapeutischen Praxiserfahrungen. Zu bedenken ist dabei, dass eine Korrektur der Auffassung erst in ca. 20 Jahren in der ICD-12 möglich wäre, wenn der ICD-11-Suchtbegriff nicht die bei allen Suchtformen bestehenden psychischen Symptome benennt.

Die Meinung, dass Pathologisches Essverhalten („Adipositas“) als Sucht (bzw. Form der Suchtkrankheit) aufzufassen ist, wird unterstützt durch ein Zitat aus dem Internet (Kenneth Blum et al. 2011):

“Now after many years of successful bariatric (weight loss) surgeries directed at the obesity epidemic clinicians are reporting that some patients are replacing compulsive overeating with newly acquired compulsive disorders such as alcoholism, gambling, drugs and other addictions like compulsive shopping and exercise. This review article (…) to explain the phenomenon of addiction transfer. (…)” Addiction transfer (Umsteigen auf ein anderes Suchtmittel, auf eine Ersatzdroge, Polytoxikomanie) ist bekanntlich ein typisches Sucht-Symptom und weist darauf hin, dass Sucht eine nosologische bzw. psychopathologische Einheit ist.

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