Anhörung

Am 23. Juni 2014 fand in der Gesundheitsbehörde die Anhörung zu Veränderungen im Hamburger Suchthilfesystem und der PSB statt. Als Experten waren anwesend:
Prof. Dr. Jürgen Hille, HAW, PD Dr. Uwe Verthein, ZIS, Heinrich Küfner, IFT und Dr. Bernd Westermann, Notdienst Berlin. Frau Dr. Bever erläuterte, dass diese Anhörung eine Konsequenz aus dem jüngst veröffentlichten Suchtbericht ist. Im September soll es eine Folgeveranstaltung geben.

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Prof. Dr. Hille

Die Experten nahmen zu drei Punkten Stellung, die als Fragestellungen zur PSB entwickelt wurden:
• Was sollte ursprünglich durch die PSB erreicht werden? Welche Ziele konnten erreicht
werden?
• Worin sehen Sie den Unterschied zwischen ambulanter PSB und Suchtberatung? Was kennzeichnet die ambulante PSB für Substituierte Ihrer Meinung nach aus?
• Welche aktuellen Herausforderungen gilt es zu bewältigen? Bitte 2-3 Schwerpunkte benennen und begründen. Wohin sollte die PSB sich verändern und ihre Schwerpunkte ausrichten?

Die Vorträge der Experten dauerten jeweils 20 Minuten und berücksichtigten Informationen, Einschätzungen, aktuelle Entwicklungen und Veränderungen. Anschließend gab es Nachfragen und Anmerkungen aus Hamburger Sicht.

Wir dokumentieren in Auszügen den Vortrag Prof. Dr. Jürgen Hille:

Ziele der PSB

Die Entwicklung der sich verändernden Zielvorstellungen der diversen
gesellschaftlichen Gruppierungen die auf dieses Arbeitsfeld einwirkten und einwirken ist sehr komplex und lassen sich hier nur stichwortartig skizzieren:

Auflösung des Abstinenzparadigmas der Suchtkrankenhilfe (Anfang 90er Jahre)

Erst in den neunziger Jahren (1992) wurde durch eine Novelle des BtMG die
Möglichkeit eröffnet Levomethadon zur ärztlichen Behandlung einer
Betäubungsmittelabhängigkeit zu verschreiben. Durch die kurz darauf folgende
Aufnahme in die „Richtlinien über die Einführung neuer Untersuchungs- und
Behandlungsmethoden“ (NUB-Richtlinien) wurde die Substitution zu einer
abrechenbaren Leistung innerhalb der vertragsärztlichen Versorgung.
Bereits im Vorweg gab es diverse (teilweise sehr umstrittene) Initiativen um
Substitute den Betroffenen zugänglich zu machen (z. B. Dr. Grimm in Kiel).
Ein wesentliches Motiv war die enorme Verbreitung des HIV-Virus und die damalig
noch rapide ansteigen Todesfälle.
Aus fachlicher Sicht gab es mehrere Diskussionslinien:
• Erhöhung der Zugangs- und Behandlungsmöglichkeiten zur Suchtkrankenhilf
(niedrigschwellige (z. B. das ASS-Programm) und ambulante
Therapiemöglichkeiten)
• Abschaffung der strafrechtlichen Verfolgung von Betäubungsmittelabhängige
Menschen (sog. akzeptierende Ansätze)
• Neue therapeutische Möglichkeiten durch die Arbeit mit dem Rückfall (z. B.
Körkel)
Die NUB-Richtlinien selbst wurden dementsprechend unterschiedlich bewertet:
• Aus der „akzeptanzorientierten“ Sichtweise wurde psychosoziale Begleitunt
als Zwangsmaßnahme kritisiert
• Aus medizinischer Sicht waren die NUB-Kriterien zu eng (Schwangere,
Sterbende etc.)
• Aus behördlicher Sicht wurde von Beginn an die Finanzierung der PSB sehr kritisiert (das Substitut und die ärztlichen Leistungen durch die
Krankenversicherer, die PSB aus kommunalen Haushaltsmitteln)
• Aus suchttherapeutischen Fachverbänden wurde die Substitution als suchtverlängernd problematisiert

Weiterentwicklung der Diskussion um die PSB

In den Folgejahren hat sich die Diskussion um diverse Perspektiven erweitert bzw. ausdifferenziert.
Ein wichtiger Hintergrund bestand insb. In den Veränderungen und Anpassungen der
NUB-Richtlinien, die Hinzunahme weiterer substituierender Medikamente und die
Vergabemodalitaten (z. B. zur Verhinderung des Handels mit Substituten).
Diverse wissenschaftliche Studien bzgl. der Effizienz der Langzeitsubstitutions-
behandlung Opioidabhängiger bestätigten deren Wirksamkeit, z. B:
• die nachgewiesene Senkung der Kriminalitätsrate,
• die bessere Haltequote in der Substitutionsbehandliüng (als in abstinenz-orientierten Angeboten) seit der Einführung der Substitution (vgl. Busch u. a.
2007)
• die Verbesserung des gesundheitlichen Gesamtzustandes der Zielgruppe
Eine wahre Flut von Veröffentlichungen bezieht sich auf die (zunehmende)
psychiatrische Komorbidität bei Opiatabhängigen (vgl. z. B. Übersicht bei Bosch
2007 S. 1 f.). Insbesondere sind erhöhte psychiatrische Begleitstörungen (ins.
Antisoziale und andere Persönlichkeitsstörungen auffällig).
Die (soziale) Lage der Betroffenen ist trotz der (statistischen) Verbesserungen
komplex verbesserungsbedürftig ((Stichworte):
• Hoher Anteil des sog. Nebenkonsums diverser Substanzen (insb. Alkohol und
Kokain)
• Schwierigkeiten bei der Integration ins Erwerbsleben
• Finanzielle Schwierigkeiten
• Starke Belastung der Familienangehörigen (insb. der Kinder)
• Geringer Anteil am Übergang zu abstinenzorientierten Hilfen

Welche aktuellen Herausforderungen gilt es zu bewältigen? Wohin sollte die PSB sich verändern und ihre Schwerpunkte ausrichten?

Drogenabhängige Menschen benötigen m. E. sehr engagierte Helfer und immer
wieder auch neue Projekte, an die sie glauben und mit denen sich identifizieren können (an die PSB angegliedert).
Der wichtigste Schwerpunkt bezieht sich auf das Gebiet Arbeit und Beschäftigung.

Die bestehenden Angebote sollten ausgebaut (und evaluiert) werden. Bürokratische bedingte Grenzen (z. B. Jobcenter-Richtlinien, versicherungsrechtliche Schwierig-
keiten, Nebenverdiensterschwernisse).
Die PSB sollte auch Kooperationsprojekte für psychisch besonders bedürftige Klienten initiieren: für bestimmte Gruppierungen ist (leider) der Zugang zu spezialisierten psychiatrischen bzw. psychotherapeutischen Hilfen (noch) nicht möglich. Hier wären spezialisierte Hilfen organisierbar (z. B. budgetfreie
Sonderzulassung spezialisierter Psychotherapeuten (Fachambulanz Kiel)).
Es muss unbedingt möglich sein besonders belastete Opiatabhängige – die noch nicht bereit und in der Lage sind medizinische oder therapeutische Hilfen anzunehmen – im Rahmen der PSB intensiver zu betreuen. Hierzu sind zwanzig Sitzungen im Jahr sicherlich nicht ausreichend
M. E. waren mehr kreative Opiatausstiegprojekte zu initiieren.
Literatur:
Sabine Bosch: Psychiatrische Komorbidität bei Opiatabhangigen auf einer qualifizierten
Drogenentgiftungsstation. Inaugural-Dissertation. zur Erlangung des Doktorgrades der Medizin.
Tübingen 2007)
Martin Busch. Sabine Haas, Marion Weigl, Charlotte Wirf, llonka Horvath, Heidi Stürzlinger
Langzeitsubstitutionsbehandlung Opioidabhängiger Deutsches Institut für Medizinische
Dokumentation und Information (DIMDI). Köln: Schriftenreihe Health Technology Assessment, Bd. 53,
2007

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