Alkoholismus : Sünde oder Krankheit

Persönliche Anmerkungen zu einem veränderten Verständnis von Suchtkrankheiten

von Klaus Georg Wolff

In der jüdischen-christlichen Religionstradition wird der Weinrausch als Gabe Gottes gepriesen und nur der entgleiste Gebrauch als Trunksucht moralisch getadelt. So ist es auch kein Wunder, das die Trunksucht von Funktionsträgern, dieser das absolute anstrebenden Weltanschauungen, gerne als Sünde betrachtet wird. Entsprechend wurden Trinker durch  Strafmaßnahmen und „innere Mission“ von ihrem kranken Trinkerstolz durch  unterwürfigen Glauben „befreit“. Dies nannte man noch bis in die 70 er Jahre des vorherigen Jahrhunderts : Trinkerfürsorge.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde dann die Trunksucht auch noch als Erbkrankheit von Willenskranken und Armen gesehen, die durch Zwangsmaßnahmen  ausgesondert wurden.

Als ich 1971  das erste Mal bewusst mit der Suchtproblematik, während meiner Krankenpflegeausbildung  im Landeskrankenhaus Neustadt konfrontiert wurde, bestimmten diese Denkmuster noch das Behandeln. Diese  1O Wochen haben mich damals existentiell tief berührt, aber es war mir noch nicht bewusst das ähnliche Muster meine Kindheit bestimmt hatten, und mein weiteres Leben bestimmen würden. Nach den 3tägigen oft 12-stündigen Diensten verspürte ich nur einen tiefen Drang diese unangenehmen Erlebnisse mit viel Bier wegzuspülen. Hinter den Behandlungsweisen, denen ich mich damals als junger  Schließer anpassen musste , heute würde ich es  professionelle Co-Abhängigkeit bezeichnen , steckten  die  Macht- und Kontrollbedürfnisse der oben skizzierten  Ideologien und Institutionen.

Später wurden diese  „moralische Weltsicht“ in der Suchtbehandlung mit abhängig machende therapeutischen Techniken wie der  Transaktionsanalyse  ( „Spiele der Erwachsenen“ ) überdeckt. So habe ich es 1985 während meiner ersten Therapie erlebt , und weil  ich glaubte , jetzt hätte ich meine Probleme verstanden und damit auch gelöst, brach ich sie nach einigen Wochen vorzeitig ab. Auch mit meiner Sucht setze ich mich danach trotz mehrjährigen Selbsthilfegruppenbesuchs nicht mehr aktiv auseinander.

Dabei hatte ich übersehen das Alkoholismus nicht nur eine falsche Problemlösungsstrategie ist, sondern auch eine physiologische Ebene hat : den Kontrollverlust. Dieser beruht  eindeutigen Stoffwechselstörungen, die sich nicht zurückbilden. Aber diese biologische Betrachtungsweise war wegen der nicht aufgearbeiteten Zeit des 1000 jährigen Reiches problematisch, und weil die Anpassungsfähigkeit des Stoffwechsels vermutlich auch vererbt wird, auch als faschistisch  tabuisiert. Dies wurde von vielen Suchttherapeuten in der damaligen ideologisch geprägten Auseinandersetzung zwischen Biologie und Psychologie/Spiritualität gerne ideologisiert. Und ich wurde rückfällig, als ich in  meine großartigen Denkmuster und den dadurch ausgelösten Stress zurückkehrte. Hatte Sehnsucht nach dem süchtigen Leben auf der Überholspur.

Nach meiner 2. Therapie und 16 Jahre aktive Abstinenz sind für mich heute  Suchtkrankheiten Lernprozesse – auch auf physiologischer Ebene –  ,die sich als genetisch mitbestimmtes  gesamtleibliches Geschehen mit starker kultureller Prägung („entgleiste Trinkkultur“) beschreiben lassen .Sie lassen sich nur das Erarbeiten einer  Krankheitseinsicht und das aktive Erlernen einer abstinent Lebensweise auf der Verhaltensebene überwinden . Die Stoffwechselveränderung – vor allem in der Leber- bleiben bestehen, so das der körperliche Suchtprozess beim Rückfall rasant wieder einsetzt. Eine leidvolle Erfahrung , die viele Alkoholiker immer wieder machen , wenn Sie glauben sie hätte ihre Probleme im Griff und jetzt kann ein Gläschen Alkohol  doch nicht  schaden.

Mit einem Vortrag am 1.11.2007 in Farmsen erklärte Dr. Stracke uns drüber auf, das  sich in den letzten 15 Jahren sich das Verständnis für den Umgang mit Menschen, die einen problematischen Alkoholkonsum betreiben, deutlich verändert hat. Konfrontative Strategien, die oft die Schuld- und Schamgefühle verstärken,  sind durch motivierende Strategien ergänzt worden. Der  Ausstiegsprozess wird als nicht mehr gradlinig betrachtet, sondern als in Phasen verlaufend beschrieben. Seit diese Ambivalenz besser verstanden wird, hat sich auch das Rückfallverständnis gewandelt  Er wird nicht mehr als existentielle Katastrophe gesehen sondern als Chance zur einer vertieften Krankheitseinsicht.

Georg Wolff

Georg Wolff

Aktuelle Forschungsbefunde aus der Neurobiologie des (süchtigen) Gehirns verdeutlichen die Anfälligkeit für Suchtentwicklungen bei Menschen, die negative Beziehungserfahrungen gemacht haben. Sie  machen zudem Rückfälle im Krankheitsverlauf  verständlicher und betonen die bekannte Wichtigkeit von wertschätzenden Beziehungen und Einfühlungsvermögen beim Ausstieg aus der Abhängigkeit. Nach meiner Erfahrung gehört dazu auch der Erwerb einer größeren Beweglichkeit und Flexibilität im Lebensstil, welche die einengenden starren Lebensmuster aus der Suchtzeit wiederbeleiben. Die Entdeckung der Langsamkeit im Taijiquan hat bei mir viel dazu beigetragen, und ich versuche mein Leben immer wieder auf 70 % Leistung sind genug zu entschleunigen.

Durch ein intensives Fachliteraturstudium, das durch die Tagung „Chaos im Kopf“ im Oktober 2007 und den obigen Vortrag ausgelöst wurde, ist für mich Sucht  auch eine Krankheit bei der verschiedene physiologische Prozesse im Gehirn ineinander greifen. Auslösend scheint zu sein, das sich bestimmte biografische Kränkungen und Traumatisierungen  in der Hirnphysiologie ihre Spuren hinterlassen. Dies haben ich als Kontaktstörungen, Ängste, Hemmungen, Gefühlsunterdrückung usw. erlebt. Durch  Vergiftung mit Substanzen konnte ich diese Defizite zeitweise beseitigen, aber das Verlangen nach Wiederholung und die Trinkmengen nahmen zu . Die regelmäßige Vergiftung stört aber nicht nur das körperlichorganische  Stoffwechselgeschehen (Leber, Herz usw.) Es unterdrückt auch im Gehirn einen Vorgang der Neurogenese genannt wird. Dieser ist wichtig für die Vernetzung zwischen den Nervenzellen: ein Vorgang der wichtig für das Kurzzeitgedächtnis und das Lernen ist. Diese Störung bezeichnen wir allgemeinsprachlich als „der hat wohl sein Gehirn versoffen“ oder vornehmer nach Jellinek als Niveauverlust. Dies ist die schlechte Nachricht, doch es gibt auch eine Gute : bei einer suchtmittelabstinenten Lebensweise setzt die Neurogenese nach einigen Wochen wieder ein ! Wir können wieder lernen, unser Gehirn neu vernetzen und so uns lebendiger zu fühlen.

Als mögliches Trainingsprogramm für den Suchtausstieg wird gerne einseitig die  kognitive Verhaltenstherapie überschätzt. Sie kann ein guter Einstieg sein , aber ich weiß ,dass diese Lernprozesse zu einer neuen psychosozialen Umorientierung  auch mit  spirituellen Programmen, körperlichen Übungswegen aus Ost und West, aber auch künstlerischen Gestaltungswegen möglich sind, oder ergänzt werden sollten. Auch lebendige -aktive- Selbsthilfegruppen können wirksame Lernsystem sein. Dann bildet das Gehirn neue Strukturen, die dann die abstinente Lebensweise stützen und stabilisieren.

Zum Nachdenken: Eine bösartige Zwischenbemerkung an eigenbrötlerische Selbsthilfegruppenkönige und -organisationen: Staubtrockene oder prahlerische Gruppenprozesse langweilen und lassen die zum Wandel notwendige Wachheit einschlafen.

Seit ich mich nicht mehr vergiften brauche, um angenehme Gefühlszustände zu erleben, und sich die natürlichen Ent– und Anspannungsprozesse regenerierten, ist  aktive Abstinenz für mich lustvolles (Er)Leben.

Den der Substanzgebrauch entspannt uns nicht, sondern lässt uns im Rausch körperlich erschlaffen und in der Entgiftungsphase noch mehr verspannen. Also im „Kater“ erstarrt fühlen. Erinnert Euch!

Durch diese Lebensstiländerung kommt es zu einer biografischen Neuorientierungen, die auch  positive Beziehungserfahrungen – auch zu den eigenen Gefühlen!- ermöglichen. So setzt der Ausstieg aus Sucht nicht wie es bisher dogmatisch verstanden wurde. nicht  erst am biografischen Tiefpunkt an, sondern lässt sich nach der von Dr. Schwoon aufgestellten Wertehierarchie im Umgang mit Süchtigen auch professioneller und entspannter so begleiten:

1.         Sicherung des Überlebens

2.         Sicherung des gesunden Überlebens

3.         Sicherung der sozialen Umgebung gegen Beeinträchtigung

und erst

4.         Ermöglichung langer Abstinenzphasen ,gefolgt von Einbeziehung von  –also Arbeit mit – Rückfällen.

So lässt sich der Schuldgefühle auslösende moralische Druck mildern, den ich oft auch selbst beim Umgang mit Suchtkranken ausübte , aus eigener Betroffenheit (erwachsenes Kind aus einer Suchtfamilie) und weil mir langjährige Trockene dies vorlebten .Dies ermöglicht mir leichter eine aufrichtige und wertschätzende Kontaktaufnahme . So das ein positiver  Beitrag zum

Wandlungsgeschehen ermöglicht  werden kann, und ich mich durch rückfällige Suchtkranke mehr so stark in meiner abstinenten Lebensweise existentiell bedroht fühle.

Deswegen möchte ich als nächstes unbedingt motivierende Gesprächsführung erlernen. Aber ich freue mich auch auf die Weiterentwicklung der Suchtselbsthilfe zur Gesundheitsförderung mit Sport und Bewegung, Nichtrauchertrainings und gesunder Ernährung.

vorgelegt zur Mitgliederversammlung des Landesverband Hamburg der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe am 27.3.2007

Erschienen im Hansenbarg-Kurier  Sommer 2008

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