Aktionswoche Alkohol – Frauen und Sucht

DSCF1145 Anläßlich der Aktionswoche Alkohol haben die MitarbeiterInnen der Brücke sowie KollegInnen der Guttempler und NA’s  zu einem Tag der offenen Tür in die Conventstraße eingeladen. Schwerpunktthema war die Situation der Frauen.

Von den fast 10 Mio Menschen in Deutschland, die Alkohol in riskanter Weise konsumieren UND in der Folge oft Schaden für ihre Gesundheit nehmen, sind 1/3 Frauen. In Häufigkeit und Konsummenge unterscheiden sich Männer und Frauen,-  ebenso in den Konsummotiven. Frauen, die trinken, stoßen auf wenig  Verständnis in unserer Gesellschaft – im Gegensatz zu Männern. Frauen fallen auch weniger auf, sie konsumieren meist allein, heimlich zu Hause. Sie schämen sich des Trinkens. Und doch erhoffen sie sich Erleichterung bei belastenden Lebensumständen und bei persönlichen Problemen sowie zum Weiter-Funktionieren. Das Spannungsfeld zwischen Anforderungen, Stress, Belastungen, Herausforderungen lösen immer mehr Frauen mit Alkohol. Das betrifft  v.a. gut ausgebildete berufstätige Frauen. Schon Ende der 60er Jahre lag ihr Anteil mit über 35  % weit vor den Hausfrauen mit 9 %. Und das in einer Zeit, als der Ehemann seiner Frau noch verbieten konnte, berufstätig zu werden. Das Gesetz wurde erst 1977 aufgehoben.

Und wie sieht es heute aus?

Eine neue Studie der Universität Hannover zum riskanter Alkoholkonsum bei weiblichen Fach- und Führungskräften hat herausgefunden, dass vor allem die 40-59 jährigen Frauen gefährdet sind, den höchsten Konsum haben 45-50 jährige. Und es sind über 20 % gut ausgebildete Frauen aus höheren Sozialschichten betroffen, wesentlich mehr als in sozial schwachen Schichten mit 11 %. Als eine Ursache für erhöhten Alkoholkonsum bei Frauen wurde der  Stress ermittelt: „Viele Frauen, die beruflich stark gefordert sind, stünden gleichzeitig durch familiäre Pflichten unter Druck. Zu der psychosozialen Belastung am Arbeitsplatz komme zusätzlich der zu Hause. Das «Glas am Abend» verspreche dann Entlastung. Der Alkoholkonsum wird funktionalisiert. Frauen trinken oft abends, wenn alles fertig ist und die Kinder im Bett sind.“ heißt es in der Studie. „Das Trinken ist ein Feierabendsymbol und wird zum Ritual. Das mache es schwerer, dieses Verhalten schnell zu ändern. UND typisch sei, dass Frauen nicht öffentlich trinken – so wie Männer in der Kneipe -, sondern allein zu Hause. Das regelmäßige Glas Wein zur Entspannung bleibe so völlig unbemerkt.“

Im Konzept der Brücke e.V. ist festgelegt, dass gemäß dem Gender Ansatz die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen sind, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt.Wir versuchen gemeinsam, Erklärungen für Unterschiede in ihren Lebenswelten, in ihren Konsum- und Verhaltensmustern sowie mögliche Wege aus der Sucht zu finden. Es ist uns ein besonderes Anliegen, die Bedingungen für eine frauenspezifische Suchtentwicklung zu benennen und individuelle Lösungswege gemäß der jeweiligen speziellen Lebenssituation zu erarbeiten. Schwerpunkt ist hierbei die Entwicklung von Autonomie und Selbstachtung – sowie das Verstehen der eigenen Suchtgeschichte, die Verbesserung des Selbstwertgefühls, Erweiterung der sozialen Kompetenz und Durchsetzungsfähigkeit.

2012 waren in ambulanter Suchttherapie in unserer Einrichtung in Altona und Wandsbek insgesamt 172 Personen. 80 % haben die Behandlung erfolgreich abgeschlossen. Davon waren 64, also 37 %, Frauen. Zwei Drittel waren zwischen 36 und 60 Jahre alt. Mehr als ¾ der KlientInnen waren aufgrund einer Alkoholproblematik in Behandlung. Die ambulante Suchttherapie ist gerade für Frauen ein attraktives Angebot, da diese oftmals sozial verantwortlich, z.B. für Kinder, eingebunden sind und ein längerer stationärer Aufenthalt für sie nicht in Frage kommt.

Die Fürsorge für andere spiegelt sich auch in unserer Suchtberatung wider. Von den 700 Beratungen im letzten Jahr wurde fast die Hälfte von Frauen wahrgenommen. Häufig sind es Mütter oder Partnerinnen, die sich um ihre Angehörigen Sorgen machen. Und sehr häufig sind es Probleme im Essverhalten, das nach wie vor zumeist die Frauen betrifft. Mit unserem sMUTje Projekt wenden wir uns speziell an Jugendliche mit Essstörungen. Der Anteil der Mädchen ist hier über 90 %.

Neben der ambulanten Suchttherapie, der Sucht- und Essstörungsberatung ist die psychosoz. Betreuung substituierter Opiatabhängiger ein weiterer Arbeitsschwerpunkt. Im letzten Jahr waren  240 Personen in psychosozialer Betreuung in der Einrichtung Conventstraße und in Wandsbek. darunter 69 Frauen. Die Menschen, die hier betreut werden, haben mit vielfältigen Beeinträchtigungen und Belastungen zu leben. So gaben ¾ aller Frauen an, dass sie mittel bis extrem gesundheitlich beeinträchtigt sind, noch mehr, nämlich 85 % leiden unter psychischen Belastungen. Das wird auch in den Verschreibungen deutlich. Über die Hälfte der Frauen und 1/3 der Männer erhalten Antidepressiva, 20 % der Frauen und 35 % der Männer erhalten Sedativa. Nichts desto trotz gaben 85 %  der Klientinnen und Klienten an, dass sie sich durch die Substitution und Psychosoziale Betreuung ihre Lebenssituation verbessert hat . Sie sind stabiler geworden ist, und insgesamt zufriedener mit ihrem Leben.

 

 

 

 

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